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Popkolumne:Richtig gutes Zeug

Diesmal mit neuer Musik von Jayda G, Laurel Halo, Lafawndah und "Apparat" - und der Antwort auf die Frage, was Lars Eidinger im famosen neuen "Deichkind"-Video trägt.

Deichkind hat "Richtig gutes Zeug" ins Netz gestellt. Ihr neues Video, zu sehen auf Youtube, feiert zu minimalen kribbeligen Beats allergrößten Quatsch: Langnese-Eis, Hanftropfen, Hagebuttentee aus der Jugendherberge, sogar Modeschmuck: "Boah, krass, Glööckler-Strass!" Deichkind sind begnadete Sprücheklopfer und Sloganizer. Dass sie diesmal ihre Liebe über allem ausschütten, was nicht bei drei auf dem Baum ist, ließe sich als Gegenprogramm verstehen. Sonst wird ja im Rap am liebsten alles niedergemacht. Zugleich wirken diese Reime, als seien sie eine Mitschrift eines sehr bekifften Bewusstseinsstromes, was sie vermutlich auch sind. Den Auskennertipp für Musik-Nerds sollte man aber schon ernstnehmen: "Fela Kuti, da ist noch richtig was los, ja, musst du mal ausprobier'n." Im Video dazu, gedreht unter anderem in einem Luxuskaufhaus und gehalten in Hochglanz-Werbeästhetik, bekommt Deichkind dann noch Unterstützung vom omnipräsenten Schauspieler Lars Eidinger, wobei er diesmal nur halbnackt ist. Er hat sich nämlich auf den Bauch einen lebensgroßen Pappaufsteller mit einem Foto von sich selbst drauf geklebt, was heißt: Pappe über dem Puller, aber hinten der Po, sehr meta. Wäre Eidinger nicht Eidinger, würde man den Berliner Schauspielerwitz aus den frühen Nullerjahren erzählen: "Marc Hosemann, lass die Hose an!" Aber mit einem nackten Mann im Video lassen sich Hip-Hop-Klischees ja bestens unterminieren.

Überhaupt ist es eine ausgezeichnete Woche für den Pop, jedenfalls: für Pop aus Deutschland. Die wichtigsten Alben kommen aus Berlin, der internationalen Hauptstadt für elektronische Musik. Da ist Jayda G, die seit drei Jahren in der Stadt lebt und hier ihr Debütalbum "Significant Changes" (Ninja Tune) aufgenommen hat. Die kanadische DJ ist mit ihren hitlastigen, mitreißenden Sets inzwischen sehr bekannt. In ihren Produktionen kommentiert und kritisiert sie gern Probleme der heutigen DJ-Kultur - etwa dass die Leute zwar tanzen gehen wollen, auf der Tanzfläche dann aber nur auf ihr Handy starren. Dagegen wendet sich Jayda G im funky klappernden House-Track "Stanley's Get Down (No Parking on the DF)", was sich erst dann ganz erschließt, wenn man weiß, dass "DF" für Dancefloor steht. Oder sie ist genervt davon, dass vor dem DJ-Pult immer Männer stehen, sodass die Frauen im Club oft hinten tanzen müssen. "Move to the front!", fordert sie ihre Geschlechtsgenossinnen auf. Ja, nicht nur in U-Bahnen, sondern auch in Clubs ist manspreading ein Problem!

Die andere exzellente Veröffentlichung ist der "DJ-Kicks"-Mix (!K7) von Laurel Halo. Die Amerikanerin lebt seit 2013 in Berlin und ist mit Produktionen für das Label Hyperdub bekannt geworden. In den 60 Minuten mixt sie sich durch 29 Tracks, wobei nur vier davon von ihr selbst stammen - was weit weniger selbstbezogen ist als bei Mixen anderer DJs und Produzenten. Halo kombiniert harte Acid- und EDM-Tracks mit jazzigem House, mit Bleep-Techno und Gqom-Sound aus Südafrika. Nichts wirkt zusammengestückelt oder zu hastig kombiniert, die Tracks konzentrieren sich zu einem dunklen Sog.

Aus Berlin geht es dann noch auf Landflucht: "Brandenburg" heißt einer der atmosphärischen Tracks auf der "LP5" (Mute) von Sascha Ring alias Apparat. Der hat sich, seit er auf seinen Produktionen auch selbst singt, den Ruf eingehandelt, so etwas wie die elektronische Ein-Mann-Version von Radiohead zu sein. Wehleid und Sanftmut prägen seine Tracks, was sich viel böser liest als es dann klingt. In "Brandenburg" etwa legt Ring ein Streichensemble und eine Harfe auf sehr weich sich dahinschleppende Loops, die klingen, wie aus einem alten Folk-Song. Dazu singt er vom Fühlen und von Zerbrechlichkeit, und die Welt fühlt sich gleich ein bisschen besser an.

Und dann gibt es noch das schöne Debüt "Ancestor Boy" (Concordia) der Amerikanerin mit iranischen und ägyptischen Wurzeln Yasmine Dubois alias Lafawndah. Kristalline Synthesizer-Hallräume, durchzuckt von brutalen Percussions, dazu R&B-Gesang und spektrale Autotune-Chöre. Inhaltlich können Lafawndahs Songs fast biblische Züge annehmen, wenn sie in "Joseph" über eine Geburt ohne menschlichen Zeuger singt und von einem Baby, das die Zukunft ist. Ist der "Ancestor Boy" aus dem Titel etwa Jesus? Ganz klar wird das nicht. Es scheint aber um futuristische, neo-religiöse Wahlgemeinschaften zu gehen. Mit diesem Album bekommen sie ihre eigene Kirchenmusik.