Popkolumne:Majestätisch

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Popkolumne: Hat in New York ihren eigenen Tag: den "Regina Spektor Day". Zu Recht natürlich.

Hat in New York ihren eigenen Tag: den "Regina Spektor Day". Zu Recht natürlich.

(Foto: Shervin Lainez)

"Beat Queens" versammelt Rap-Produzentinnen. Dazu: neue Musik von Damien Jurado, Regina Spektor und die Antwort auf die Frage, was auf "Friday Night In San Francisco" folgen kann.

Von Max Fellmann

Seufz, gleich das erste Lied, diese vorsichtigen Gitarrenakkorde, diese Geigen, wie sie die schweren Terzen hinabgleiten, -rutschen, -schmelzen, erschöpft wie müde Wanderer. Dazu der zarte Gesang, so dünn und doch so warm. Schon klar, das klingt jetzt hier fürchterlich geschwärmt, aber wenn's halt wirklich so toll ist? "Reggae Film Star" (Maraqopa Records) mag das gefühlt hundertste Album von Damien Jurado sein, aber der Songwriter aus Seattle erweist sich wieder als ... ach, greifen wir ruhig hoch: Nick Drake der Gegenwart.

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Die Sehnsucht seiner Kopfstimme erinnert an Bon Iver, die Verschrobenheit des Vortrags an M. Ward, aber irgendwo dazwischen ist er immer ganz er selbst. Und ziemlich desillusioniert: "I know that life can be so cruel", singt er. Und: "It's a sick joke where the bad guys win." Dazu streift er die Saiten seiner Gitarre, als wäre schon das eigentlich arg viel verlangt. Aber man muss, man darf sich davon nicht runterziehen lassen. Im Gegenteil. Vielleicht ist Damien Jurado eine Art Erlöser - er schultert in seinen Liedern die Bürde der menschlichen Existenz, auf dass seinen Hörern das Herz leicht und frei werde. Harter Job für ihn, schöne Sache für uns.

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Seattle könnte sich also ruhig mal einen Damien-Jurado-Tag gönnen. New York hat ja seit 2019 auch einen offiziellen "Regina Spektor Day". Vom damaligen Bürgermeister Bill de Blasio höchstselbst ausgerufen. Natürlich wegen Spektors Musik und ihres Erfolgs, aber auch wegen ihrer Geschichte, so typisch für die Stadt: Mit sechs Jahren im Schlepptau ihrer Eltern von Moskau nach New York gekommen, dann nach oben gekämpft, und if you can make it there ... Nach sechs Jahren Pause erscheint jetzt ihr Album "Home, before and after" (Warner). Wieder sehr schöner Balladen-Pop, wirklich geschmackvoll, ja. Aber über weite Strecken auch ein bisschen kantenlos. Man würde gern mal hängenbleiben, allein: woran? Die Balladen balladieren dahin, manchmal kommen Streicher und orchestrales Tamtam dazu, aber das hebt nur die Lautstärke, nicht die Intensität. Etwas griffiger wird's bei den rhythmischeren Songs wie "Sugar Man" (nein, nicht das von Sixto Rodriguez). In den guten Momenten darf man da, auch wegen der Stimme, an Aimee Mann denken. Die aber ist am ganz großen Erfolg immer vorbeigesegelt. Kein "Aimee Mann Day", nirgends. Schade eigentlich.

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Mag ja sein, dass sich im Hip-Hop und in der elektronischen Musik alle sehr modern vorkommen, 21. Jahrhundert und so, aber die Rollenverteilung ist vielfach noch sehr oldschool: Männer machen die Beats, Frauen dürfen mitmischen, üblicherweise gesanglich, bitte hübsch aussehen und den Jungs nicht in die Produktion quatschen. Ungut. Die Betreiber des Musikblogs Stereofox wollen jetzt mit der Compilation "Beat Queens" (Sterefox) darauf hinweisen, dass es durchaus auch an den Samplern und Mischpulten Frauen (und nonbinäre Menschen) gibt. "Beat Queens" war ursprünglich eine Spotify-Playlist, das Album enthält 14 Stücke, von Produzentinnen wie Hippo Dreams, Basmati und Nydia. Und damit es nicht nur bei der Geste bleibt, haben die Stereofox-Betreiber erklärt, dass zwanzig Prozent der Einnahmen gespendet werden sollen: an eine Organisation, die speziell Frauen in kreativen Berufen unterstützt.

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Zuletzt noch eine Geschichte, die wie ein Scherz klingt. Sagt der eine: Hey, zu "Friday Night In San Francisco" gibt's jetzt ein Fortsetzungsalbum. Sagt der andere, und wie heißt das? Sagt der erste: "Saturday Night in San Francisco". Genial. Warum gab's eigentlich nie "Tell Me Why I Don't Like Tuesdays" oder "Saturday I'm In Love"? Wie auch immer, als Al Di Meola, John McLaughlin und Paco De Lucia sich 1980 zusammen in San Francisco auf die Bühne setzten und mit drei akustischen Gitarren eine Art Formel-1-Rennen veranstalteten, entstand ein verblüffender Klassiker, der die Grenzen des Jazz hinter sich ließ und auch zum Pop-Erfolg wurde. Virtuosität, mediterrane Atmosphäre, Flamenco, Jazz, Rotwein, Millionen verkaufte Exemplare. Jetzt also, in einem Archiv entdeckt, die Aufnahme des nächsten Abends. Man könnte meinen, naja, Zugabe, halb so wichtig. Aber "Saturday Night In San Francisco" (Earmusic) lohnt sich. Es enthält andere Stücke. Das 13 Minuten lange "Meeting Of The Spirits" ist ein echter Ritt, die Zugabe "Orpheo Negro" geht ans Herz. Vor allem aber ist es immer noch völlig absurd, wie schnell Menschen auf akustischen Gitarren spielen können. Eigentlich müsste das Album "Saturday Night With The 3 Speedy Gonzalezes" heißen.

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