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Popkolumne:Possierliches Getöse

Neue Musik von Yungblud, "Babymetal" und "808 State" - sowie die Antwort auf die Frage, wer die alten Leute sind, die gefesselt und geknebelt im Gartenhäuschen liegen.

Was hören die yungen Leute gerade so? Billie Eilish, klar. Und sehr viele Rapper mit Yung im Namen, Yung Lean, Yung Hurn, Yung Gravy, und so weiter. Der 22-jährige Dominic Richard Harrison alias Yungblud aus South Yorkshire bildet da quasi das Bindeglied. Seine Musik ist einerseits, ähnlich wie bei Eilish, deutlich von Rap beeinflusst, einfach weil Rap die dominante Musik war, als er aufwuchs. Andererseits ist Yungblud, wie Eilish, kein Rapper, sondern eher ein Emo-Artist, in diesem Fall nur mit forscherem Sound: Metal, Indierock, Ska. Und der Gesichtsausdruck ist auch viel forscher: Yungblud guckt eigentlich die meiste Zeit wie der "Firestarter" von Prodigy, halb wütend, halb durchgeknallt. Und auf seiner neuen "The Underrated Youth"-EP (Universal) sind auch einige hübsch gegrölte Paranoia-Hymnen drauf - wie "Original Me" oder "Braindead!". Es geht um Amphetamine mit Himbeergeschmack, und in "Casual Sabotage" mixt er Trap-Beats mit Gothic-Stimmung wie einst The Cure. Insgesamt ergibt sich ein konsistentes, pubertäres Stimmungschaos mit viel Uneinverstandensein mit der Welt. Wer sind die alten Leute, die gefesselt und geknebelt im Gartenhäuschen liegen? Ach ja, das sind die "Parents". So heißt der zweite Song.

Wenn eine Band das Wort Metal schon im Namen trägt, muss sie es vielleicht nicht unbedingt noch in ihren Albumtitel packen? Denkt man sich so. Auf "Metal Galaxy" (Edel), dem neuen Album von Babymetal aus Japan, heißt dann aber sogar der erste Track "Future Metal". Also gleich dreimal Metal, falls es irgendwer immer noch nicht kapiert hat. Das Besondere an dem Projekt, das aus den beiden Sängerinnen Su-Metal und Moametal sowie aus dem Produzenten Kobametal besteht, ist, dass die bürgerlichen Namen rein gar nichts zur Sache tun, und dass Babymetal nicht einfach Metal nachspielen, sondern ihn mit J-Pop kombinieren, auf dass eine höchst seltsame, krass überzuckerte Mischung aus Kawaii-Possierlichkeit und Donnerwetter-Getöse entstehe. Der Song "Elevator Girl" klingt, als seien Pizzicato 5 in einen Schweinetrog gefallen und würden nun gerne grunzen. In "Brand New Day" wird Metal mit swingendem Synth-R&B à la Janet Jackson vereint, was komischerweise ganz gut passt. Und in "Shanti Shanti Shanti" lassen Babymetal sämtliche Skrupel der kulturellen Aneignung, die sie womöglich ohnehin nie hatten, fahren: Der Song klingt, als sei er in Indien bei einem Guru aufgenommen und laufe nun zur Entspannung in der Metal-Yogastunde in Berlin-Friedrichshain (gibt's wirklich). Alles nur ein Witz? Mag sein. Aber die Konzerte in Hamburg, Köln und Berlin sind längst schon wieder ausverkauft.

Techno kommt langsam ins Greisenalter, aber wenn das Duo 808 State aus Manchester nach 17 Jahren ein neues Album ankündigt, ist das ein Grund zur Freude. "Transmission Suite" (808 State) heißt das Werk. Und Graham Massey und sein Kollege Andrew Barker ruhen sich hörbar nicht auf alten Lorbeeren aus. Von ihnen stammt ja der bis heute himmlische Track "Pacific State", der Ende der Achtziger legale und illegale Raves auf Ibiza und englischen Äckern beschallte. Genau so einen Hit würde man heute auch gerne wieder hören. Aber "The Ludwig Question" klingt eher, als hätten 808 State sich sehr von Footwork-Tracks aus Chicago beeinflussen lassen, so sehr rasen die hochvertrackten Beats aus der Drummachine. "Cannonball Waltz" fußt auf einem eisigen Shuffle-Beat, darunter sägt eine fiese Acid-Basslinie und ein Mann wiederholt mantrahaft: "I was wrong, I am sorry". Der offensichtlichste Party-Hit ist der schiebende Tribal-House-Track "Ujala", in dem eine Frau immer wieder sagt: "Fantastic!" Simpel, aber effektiv.

Die Markenzeichen des Chanson-Popsängers Tristan Brusch sind: Wortgewalt und Kitschmelodien mit Klavier-Soße. So ist es jedenfalls die meiste Zeit auf "Operationen am faulen Zahn der Zeit" (Radicalis Music), der neuen EP des 31-Jährigen. Sie wird ihn noch erfolgreicher machen und bestimmt zu "Inas Nacht" in den NDR führen (wo er natürlich längst zu Gast war). Allein beim Wort Chanson-Pop müsste man ja wegrennen. Aber hier hält einen etwas zurück. Selbst wenn Brusch immer zu lustig sein will: "Nimm mich so, wie ich bin, und bring mich zur Psychiaterin", brüllt er in "Die Moritat vom Schweighöfer". Gut ist aber der hingesummte vierte Song, "20:15". In ihm zeichnet Brusch ein Deutschland, das sich am Sonntagabend vor dem Tatort keine großen Fragen mehr stellen will: "Viertel nach acht, hast du das Licht im Bad ausgemacht?"