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Popkolumne:Aus Liebe zu den Vorbildern

Billie Joe Armstrong covert "Avengers" und "Bangles", "Clutch" versuchen sich an Willie Dixon. Jonathan Richman spielt Ravel, und fast alle anderen huldigen Rio Reiser.

Von Max Fellmann

Heute geht es in dieser Kolumne fast nur um Coverversionen. Billie Joe Armstrong wäre diesen Sommer eigentlich mit seiner Band Green Day auf Tour gewesen. Nun ja. Ersatzweise hat er deshalb immer mal wieder Lieblingssongs aufgenommen und ins Netz gestellt. Das Album "No Fun Mondays" versammelt jetzt 14 davon und erklärt geradezu schulstundengenau, wie Armstrong zu dem Songwriter wurde, der er ist. So, liebe Nachwuchspunkrocker, jetzt lernen wir, woraus sich die Musik von Green Day zusammensetzt: Man nehme Punk-Evergreens wie "Corpus Christi" von den Avengers und "Not That Way Anymore" von Stiv Bators. Dazu Bubblegum-Pop wie "Kids In America" von Kim Wilde und "Manic Monday" von den Bangles. Und dann noch ein bisschen 60s-Pop ("I Think We're Alone Now", "That Thing You Do!"). Alles zubereitet nach dem bewährten Green-Day-Rezept: poppige Melodien plus verzerrte Gitarren plus schnelles Schlagzeug, gut geglättet. Punk-Pop fürs Autoradio. Wer die Originale nicht kennt, käme bei manchen Songs kaum drauf, dass sie nicht von Armstrong sind. Anders gesagt: Wenn einer so sehr wie seine Vorbilder klingt, dann zeigt das doch, wie sehr er sie liebt.

Auch die großartigen Rocker von Clutch veröffentlichen ein Album mit Coverversionen, und erst denkt man, aha, nächstes Corona-Projekt. Aber die Aufnahmen stammen hauptsächlich aus dem Sommer 2019. Das oft übersehene Quartett aus dem Städtchen Germantown in Maryland hat über die Monate immer mal wieder ein Lied im Internet präsentiert - "Weathermaker Vault Series Vol.1" fasst die besten zusammen. Und allein schon die brachiale Version von Willie Dixons "Evil" zeigt, was die Band so einzigartig macht: Die vier spielen betonharten Riffrock, aber da spitzt immer irgendwo der Blues raus. Besonders gut zu hören bei "Precious And Grace" von ZZ Top oder "Fortunate Son" von Creedence Clearwater Revival. Die eigenen Stücke, die sie einstreuen, können zum Glück sehr souverän mithalten. Und bitte, muss man eine Band, die ein Lied "Willie Nelson" nennt, nicht einfach lieben?

Ungefähr jeder zweite Musiker in Deutschland erwähnt auf die Frage nach seinen Einflüssen Ton Steine Scherben oder zumindest deren Sänger Rio Reiser. Weil Reiser Texte schrieb wie kaum einer sonst, weil seine Band manchmal so robust zur Sache ging, dass man das - vor Punk - schon Punkrock nennen konnte. Rio Reiser ist 1996 mit nur 46 Jahren gestorben, dieses Jahr wäre er 70 geworden. Deshalb erscheint jetzt das Album "Wir müssen hier raus - Eine Hommage an Ton Steine Scherben und Rio Reiser" mit zwölf Liedern, mal etwas bemüht, mal originalgetreu, mal geschickt verfremdet. Die Sterne spielen "Wenn die Nacht am tiefsten", Gisbert zu Knyphausen singt "Straße" und Rocko Schamoni "Morgenlicht". Jan Delay knatscht sich durch "Für immer und dich", Judith Holofernes schmachtet "Halt dich an deiner Liebe fest". Die Beatsteaks machen Radau mit "S.N.A.F.T", die alten Fehlfarben spielen "Nicht nochmal" und sogar Slime sind dabei mit "Ich will nicht werden". Man hört die Liebe und Begeisterung - und doch fehlt etwas: das charakteristische, lebensgeschmerzte, expressive Krächzen, das diese Lieder unsterblich gemacht hat. "Wir müssen hier raus" ist ein warmherziges Album, aber ach ja, vor allem macht es Lust, sofort Rio im Original zu hören.

Allen, denen im endlosen Lockdown allmählich die Kraft ausgeht, sei "If We Make It Through December" empfohlen. Die Sängerin Phoebe Bridgers haucht den alten Song von Merle Haggard mit verlorener Wehmut zu zartem Klavier. Der perfekte Soundtrack zum Warten auf den Impfstoff, auf das neue Jahr, auf einen Hauch von Hoffnung: Wenn wir es durch den Dezember schaffen, wird alles gut.

Und sowieso wird alles gut, wenn man nur ausreichend Jonathan Richman hört - oder noch besser: ihm zusieht. Der Sänger und Geiger Andrew Bird hat kurz vor der Pandemie eine schöne Videoserie gestartet: "Live From The Great Room". Da lud er Menschen in sein Wohnzimmer, um über Lieder und Leben zu sprechen. Musiker wie Matt Berninger, Schauspieler wie Zach Galifianakis. Die schönste, rührendste Begegnung ist aber bislang die mit Jonathan Richman, dem großen, naiven Helden, dem vielleicht einzigen völlig unzynischen Menschen der Popgeschichte. Der sitzt da neben Bird, alt geworden, ganz schmal und zart, aber immer noch ein Junge mit großen Augen. Die beiden reden über die Musik, die sie verbindet, und dann spielen sie mit Gitarre und Geige ... nein, nichts von Velvet Underground, sondern Maurice Ravel, "Pavane pour une infante défunte". So fragil, so schön, dass einem die Tränen kommen möchten. Und wenn man dabei Richmans Gesicht sieht: wie er jeden Ton liebt, wie er reines, ungebrochenes Glück empfindet - allein das kann einen durch den Dezember und zur Not auch noch durch zwei weitere Pandemien tragen.

© SZ/biaz
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