bedeckt München 17°
vgwortpixel

Popkolumne:Päckchenweise Koks

Die interessantesten Popereignisse der Woche. Diesmal mit neuer Musik von "Judas Priest", den "Editors", den "Young Fathers" und "Camp Cope" - und der Antwort auf die Frage, wozu Rock'n'Roll heute eigentlich noch gut ist.

Rock'n'Roll ging ja mal ziemlich genau so: mit zwei Kilo Koks um die Hüften geklebt in ein Flugzeug nach Hawaii steigen. Das hat Guns N'Roses-Schlagzeuger Matt Sorum gemacht, damals in den Achtzigern. Dass Sorum sich den Einstieg in die Musikszene von L.A. damit finanzierte, päckchenweise Drogen über internationale Grenzen zu schmuggeln, verriet er kürzlich in einem Interview mit einem amerikanischen Podcast. Spontan war diese Enthüllung natürlich nicht. Matt Sorum, der Schlagzeuger, hat nämlich was zu verkaufen: seine neue Autobiografie. Oder wie er selbst sagt: "The juciest of the juciest of the Guns N'Roses books" - das schlüpfrigste aller Guns N'Roses-Bücher. Weil Rock'n'Roll ja ziemlich genau nur noch für so was gut ist.

Dieser Tage erscheint "Firepower" (Sony Music), das 18. Studioalbum der britischen Heavy-Metal-Band Judas Priest. Es ist ihr erstes mit Produzent Tom Allom seit "Ram It Down" von 1988. Wer diesen Meilenstein der Popgeschichte noch nicht kennt, der höre unbedingt den Titeltrack "Ram It Down". Alternativ böte sich die Lektüre folgender Zeilen aus besagtem Song an: "Thousands of cars and a million guitars/ Screaming with power in the aiiiiiiir". Wer wissen will, wie Heavy Metal auf seinem Höhepunkt klang: genau so. Solche Höhepunkte erreichen Judas Priest 2018 trotz neuem alten Produzenten nicht mehr. Auch ein irrer Heuler wie Rob Halford will sich im Alter wohl stimmlich und tempomäßig in der gemütlichen Mitte einrichten. Weshalb "Firepower" über weite Strecken doch arg teigig daherkommt. Was dem Spaß eher abträglich ist. Aber nur ein bisschen. Jetzt schaffen Judas Priest statt fünf irrer Hooks in einem Song halt nur noch anderthalb.

Tom Smith und Paul Banks waren einmal die Musterschüler in der Ian-Curtis-Imitationsklasse. Zwei Stimmen, die Seelen aufreißen konnten, um sich dann kopfüber in den tiefschwarzen Schlund zu stürzen. Allein: Banks' Band Interpol hat sich immer ein bisschen schlauer und eleganter in diesen Schlund gestürzt. Man denke nur an rotlichternde Großstadt-Gedichte wie: "Subway, she is a porno/ And the pavements they are a mess/ I know you've supported me for a long time/ Somehow, I'm not impressed". Smith und seine Band, die Editors, setzten eher auf lyrische Postkartenmotive: "The saddest thing that I'd ever seen/ Were Smokers outside the hospital doors". Auch auf dem neuen Album "Violence" (Pias) geht es wenig subtil daher. Überwältigungspop im Bariton des Geprügelten. Warum das alles noch schlechter funktioniert als früher? Weil eben jener Bariton in den Hintergrund einer absolut verwuselten Produktion gedrückt wird. Die Hi-Hat zuckt, überall uuht und ooht es und die Gitarren tröten wie Auto-Alarmanlagen. Die Editors sind jetzt verspielter und verspulter, aber letztlich auch vollends ziellos.

Wirklich rundum gelungen ist dagegen das neuen Album der Young Fathers. Die Schotten haben schon 2014 für ihr Debüt "Dead" den Mercury Prize gewonnen, den vielleicht einzigen wirklich interessanten Musikpreis der Welt. Nun erscheint ihr drittes Album "Cocoa Sugar" (Ninja Tune/Rough Trade). Es ist ein warm knisternder Genre-Mix geworden, gleichzeitig kosmopolitisch und zutiefst britisch. Besserer Pop für eine bessere Welt. Der himmlisch geklimperte Gospel von "Lord", die verwehten Stammestrommeln von "Fee Fi", der Africana-Rap von "Holy Ghost". Die Young Fathers machen keine schwarze Musik, sie machen politische Musik, eine Musik die Grenzen überschreiten und verwischen will. Ein Album wie eine Mahnung an die düstere Isolation der Brexit-Zukunft.

Zum Schluss noch eine Platte aus Australien, die so wichtig und richtig ist, dass sie auf keinen Fall ungehört am Rest der Pop-Welt vorbeiziehen darf. "How to Socialise & Make Friends" (Run for Cover) heißt sie, aufgenommen haben sie Camp Cope aus Melbourne und sie ist nichts weniger als ein feministisches Manifest, getextet aus den schmerzlich realen Alltagserlebnissen von drei jungen Frauen. Neun rasend zornige Songs über die unbewussten Manipulationen, die antrainierte Selbstsabotage und den Machismo der Musikbranche: "It's another man telling us we can't fill up the room/ It's another man telling us to book a smaller venue". Ein Album, das der einen Hälfte der Menschheit die Geschichten schenkt, die tatsächlich von ihr handeln. Und der anderen Hälfte die Chance, zu spüren, wie viel komplizierter es leider tatsächlich noch ist, als Frau durch diese Welt zu gehen.

© SZ vom 07.03.2018

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite