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Popkolumne: Neue Platten:Weinen im Club

Der Künstler Max Giesinger muss weinen, wenn andere seine Lieder uminterpretieren. Sein neues Akustik-Album zeugt allerdings von einer kommerziellen Kälte, vor der auch John Legends neues Werk nicht ganz sicher ist.

Von Quentin Lichtblau

Die Vox-Sendung "Sing meinen Song" ist nicht unbedingt bekannt für feuilletonistische Sternstunden. Kürzlich trug aber dort der Rapper MoTrip dem Im-Stau-Steh-Radiopopper Max Giesinger eine Neu-Interpretation dessen Schmachtfetzens "80 Millionen" vor - umgedichtet in ein Lied über Geflüchtete, die sich nach Krieg und Armut in Deutschland als Teil von eben diesen 80 Millionen gefunden haben. Dass die Original-Interpreten beim Hören ihrer eigenen Songs in neuer Form verlässlich anfangen zu weinen, ist mehr oder weniger fester Bestandteil des Sendungskonzepts. Bei Max Giesinger aber wurde es nach den Tränen und einer langen Männer-Umarmung mit MoTrip aber noch etwas interessanter: "Ich hab bei der Nummer noch nie geheult, als ich die gesungen hab", sagte Giesinger, "wenn man dieses Lied so anders kennt, und dann hat das so eine Message, so eine Tiefe plötzlich ,,wo's wirklich einfach...", dann gehen ihm die Worte aus. Max Giesinger hat nun ein Akustik-Album veröffentlicht, und die sind bekanntlich prädestiniert dazu, in Form der reduzierten Situation noch ein Mal die Essenz, Tiefe und Message aus vorhandenen Songs herauszupressen. Man denke nur an die legendären Unplugged-Sessions von Nirvana oder der großartigen Lauryn Hill, letztere auch inklusive sehr wahrhaftiger Tränen. Das Problem von Giesingers "Die Reise (Akustik Version)" (BMG) ist allerdings: Wenn es den Songs schon im Original an eben dieser Tiefe oder Botschaft fehlt, tritt das in der Reduktion noch mal doppelt so stark hervor.

Normalerweise versteckt Giesinger seine aneinandergereihten textlichen Wandtattoos zumindest hinter einem Coldplay-mäßigen Wumms aus Pauken, Streichern und verhallten Kinderchören. Hier stehen sie - gut, ein paar Geigen sind schon dabei - weitestgehend alleine da, in ihrer ganzen durchkalkulierten Kommerz-Kälte. Weinen muss da garantiert niemand, naja, ein paar von den 80 Millionen Deutschen wohl leider doch.

Kanada hat weniger Einwohner, dafür eine hohe Dichte an Indie-Pop-Kollektiven. Crack Cloud aus Vancouver treten insofern das Erbe vorangegangener Riesengruppen wie Broken Social Scene an. Dabei sind sie aber wesentlich breiter aufgestellt, sowohl was die multimedialen Disziplinen aus Video, Musik, Kunst und Design betrifft, als auch die kulturellen Backgrounds ihrer Mitglieder. Auf ihrem Debüt "Pain Olympics" (Meat Machine) geben sie sich freaky undefinierbar und lehnen sich soundmäßig und im politischen Anspruch an Bands wie The Fall und Gang of Four an ("Post Truth"). Auf einer Nummer ("Oyster Stew") wird sogar ein vergessenes Stilmittel der Popmusik bedient: das Drumsolo.

John Legends neues Werk ist laut ihm selbst der perfekte Soundtrack für Zweisamkeit in Zeiten, in denen man samstagabends eh nicht anständig ausgehen kann: "Ihr seid im Lockdown, ihr habt Zeit", sagte Legend. Das Album heißt dementsprechend "Bigger Love" (Columbia), gleich im ersten Song besingt Legend die Krönung eines langen Arbeitstages: Sex ("Ooh laa"). Der Rest des Albums dreht sich um weitere Ups und Downs des Liebeslebens, mal funky ("I do"), mal ein bisschen folkig ("Focussed"), und ja, einmal leider auch Messehallen-rockig wie Max Giesinger ("Wild" mit Gary Clark Jr.). Von diesem Ausfall mal abgesehen finden sich da viele schöne musikalische Referenzen an Größen der schwarzen Musikkultur. Aber obwohl nur wenige so aufrichtig cheesy über Liebe singen können wie Legend, ein bisschen weniger inhaltliche Oberflächlichkeit hätte dem Album durchaus gut getan. Vielleicht beschreibt es Legend in "Actions" ironischerweise selbst am besten: "I sound so poetic but it feels like I let it slip away, slip away".

Da momentan alle Clubs für unbestimmte Zeit geschlossen sind, ist "Civic Jams" (Warp Records) von Darkstar eine gute Wahl für Menschen ohne Partner, um daheim den langen Nächten in dichten, schwitzenden Menschenmassen nachzutrauern. Besonders gut geht das bei "1001", das anmutet, wie eine verschollene Nummer von Caribou. Oder bei "30", wie eine viel zu langsam abgespielte Techno-Platte, auf der die Stimme der Feature-Gästin Laura Groves (besser bekannt als Blue Roses) hinter zu Shoegazing aufgetürmten Stimmsamples fast verschwindet. Stilistisch ist das schwer einzuordnen, einzige Klammer bleibt der Club als klangästhetischer Bezugsort. Dort würde man die Platte aber nur ungern auflegen, oder nur in besonderen Momenten. Warum? Weil beim Tanzen alle weinen würden.

© SZ vom 17.06.2020
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