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Popkolumne:Nebenher Kirchenchöre erschießen

Childish Gambino tanzt und wütet - und Beach House machen einen auf sphärisch.

"This Is America", Childish Gambino

Die Welt ist voller Lobeshymen auf das neue Video des Rappers, Regisseurs, Drehbuchautors und Schauspielers Donald Glover alias Childish Gambino - und zwar absolut zu recht. Er tanzt darin durch eine Lagerhalle und erschießt nebnbei Kirchenchöre. Nun ist er nicht der Erste, der sich mit einem Musikvideo an der amerikanischen Gesellschaft abarbeitet. Aber "This is America" zeigt den harschen Konstrast von akzeptierter schwarzer Kultur in der Populärmusik und der gesellschaftlichen Realität schwarzer Bürger plakativ, aber sehr fokussiert, ohne irgendeinen Bombastschnickschnack. Gambino setzt nur die Requisiten und die Technik ein, die er unbedingt braucht. Im Song werden ironische Chor-und-harmloses-Gitarrengeplänkel-Referenzen mit Rap kontrastiert, der aber aus dem momentan vorherrschenden Klangbild auch raus-sticht, weil er Trap-Bässe und collagiert wirkende Textfragmente in den Dienst einer sehr klar artikulierten Wut stellt — die wiederum eher an ältere Rap-Traditionen erinnert.

Ansonsten erschütterte die Popwelt in ihren Grundfesten gerade nicht nur Kanye West, sondern auch DJ Khaleds Aussage, dass Oralsex Frauensache sei. In einem vor Kurzem wiederaufgetauchten Interview von 2014 in der Radioshow "The Breakfast Club" verneinte er vehement, Cunnilingus und dergleichen jemals zu praktizieren (Unterbrochen von den ungläubigen Zwischenfragen der Interviewerin: "Nicht mal am Geburtstag Ihrer Frau? Oder an Weihnachten?"), weil er, Achtung, "ja arbeite" und "der Mann König" sei.

Beach House sind zurück, ihr neues Album "7" (Pias/Bella Union) erscheint am Freitag. Es ist ihr - Überraschung! - siebtes Studioalbum und präsentiert Grunge gekreuzt mit Sphärenklängen. So klingt es vermutlich, wenn Achtzigerjahre-Romantiker, Kurt Cobain und ein paar Hippies sich im Himmel auf eine Jam-Session treffen. Bei allem Dream-Gewaber ist "7" erdig und beatgetrieben. Solch introvertierte Klänge muten eher anachronistisch an in der chaotischen neuen Highspeedwelt, aber Beach House geben sich immerhin Mühe, ihre Trauer nicht allzuweinerlich klingen zu lassen. Nach der Hälfte der Platte nervt das dann irgendwann allerdings auch. Aber immerhin: Der Halleffekt ist bestimmt sehr glücklich, dass er so oft und prominent durchs Album wabern darf.

Der Sänger und Songwriter Jonathan Bree wiederum, dessen neues Album "Sleepwalking" (Lil' Chief) nun erscheint, hat schon gewonnen. Er kommt aus Neuseeland, weshalb er als einer der wenigen den Weltuntergang überleben wird. Nicht umsonst hat sich der Silicon-Valley-Investoren-Fürst Peter Thiel dort schon mal Ländereien gekauft, wie man hört. Für den Fall des Falles. Es heißt zwar, Bree würde "Barock-Pop" machen, aber "Post-Apokalypse-Pop" passt besser.

Es geht auf dem neuen Album "1220" (Live From Earth) des Wiener Rappers Yung Hurn hier und da doch ziemlich postpubertär zu. Die Platte ist natürlich trotzdem ein perfektes Kondensat all dessen, womit Yung Hurn in den vergangenen drei Jahren auf verschiedenen nicht ganz so offiziösen Mixtapes mal eben den deutschen Rap gerettet hat. Wer seinen Charme und sein Genie an der Quelle ergründen will, dem sei allerdings eher zum Studium der beiden unerreichten Singles "Nein" und "OK Coool" geraten.

© SZ vom 09.05.2018

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