Popkolumne:Kirchentag im Autoradio

Gina Été

Viel eigene Séélé, pardon, Seele: Sängerin Gina Été.

(Foto: Nina Maria Glahe)

Möglicherweise könnte die UNO ein Bowie-Coververbot aussprechen? Man hätte Moby damit vor viel Unfug bewahrt. Dazu: Neues von Gina Été und Altes von "My Bloody Valentine".

Von Max Fellmann

So traurig, so toll. Zu den ganz großen verlorenen Helden des Pop zählt ja die irisch-britische Band My Bloody Valentine. Von vielen bewundert und geliebt, aber immer gescheitert, wenn es um so etwas ging wie eine stringente Karriere. Ein Album 1988, ein zweites 1991. Dann 22 Jahre Ladehemmung. 2013 völlig überraschend ein drittes. Seitdem wieder Stille. Dabei ist es nicht so, dass die Band aufgelöst oder Mastermind Kevin Shields tot wäre. Nein, der Gitarrist und Zwangsneurotiker kreist nur immer und immer wieder um dieselben Songs, seit 30 Jahren, hört alles noch mal durch, stellt fest, was jetzt unbedingt doch noch anders klingen muss, lässt Kopien von verschiedenen Bändern machen, mal digital, mal analog und immer so weiter. Wie ein Maler, der Tag für Tag vor denselben Leinwänden steht und seine eigenen Bilder restauriert.

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Während andere sich gelegentlich im Elfenbeinturm verirren, ist Shields direkt im obersten Stock eingezogen. Jetzt hat er wieder mal alle Alben überarbeitet und neu mastern lassen: "Isn't Anything", "Loveless", "mbv" (alle Domino). Und wieder spürt man bei jedem Ton: Völlig klar, Menschen, die solche Musik machen, können nicht einfach auf den Punkt kommen, nur weil Plattenfirmen oder Fans es wollen. Unmöglich. Diesen Songs ist die Endlosigkeit, das Kreisen immer schon eingeschrieben. Ein brachialer Mahlstrom aus Gitarren und obskuren Geräuschen, Klang-Lava, tief darin vergraben ein paar zarte Stimmen. Musik, die Anfang und Ende vergessen lässt, akustische Vexierbilder, M. C. Eschers endlose Treppen als Musik. Dazu diese merkwürdigen, halluzinatorischen Gitarrensounds, die Shields erzeugt, indem er beim Spielen den Tremolo-Hebel nicht nur als gelegentlichen Effekt, sondern durchgehend benutzt. Laien würden sagen, das klingt wie ein leiernder Plattenspieler, er selbst nennt es "glide guitar". Fantastisch, auch nach Jahrzehnten noch.

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Übrigens hat Shields vor Kurzem einem englischen Journalisten verraten, er arbeite seit zwei Jahren an neuen Songs. Nach allem, was man über den Mann weiß, dürften die so ungefähr im Jahr 2040 an die Öffentlichkeit gelangen. Aber was bedeutet schon Zeit?

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Oje, jetzt wird's kompliziert auf der Tastatur, die Zürcher Sängerin Gina Été schreibt man mit zwei Accents aigus, allergrößte Vertippgefahr also. Aber hey, einmal schon fehlerfrei geschafft, also weiter zur Musik: Das Debütalbum "Erased By Thought" (Motor Entertainment) ist eine sehr schöne Entdeckung. Filigraner Kammerpop in vier Sprachen (Deutsch, Schweizerdeutsch, Englisch, Französisch), mal zart-verhalten mit Akustikgitarre, mal elektronisch düster. Logisch, dass sie seit ihren ersten Songs vor zwei Jahren ständig mit Sophie Hunger verglichen wird (Schweiz, mehrsprachig), aber Gina Étés Lieder haben genug eigene Séélé, pardon, Seele. Da ist viel Schwermut im Spiel, aber manchmal wird es auch ganz licht und leicht: Der Song "Trauma" klingt gar nicht nach seinem brutalen Titel, sondern wie aufsteigende Luftblasen im Wasser. Und manchmal gönnt sich Été gut gelaunten Alltags-Humor - das Lied "Troubleshooting" handelt tatsächlich von Laptops und Druckern, bei denen die Anleitung nichts hilft.

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Ab hier Krawattenpflicht: Moby veröffentlicht ein Album ausgerechnet bei der altehrwürdigen Deutschen Grammophon, und deren gelbes Emblem auf einer CD schreit natürlich sofort Hochkultur, Pantheon, Klassiker. Ungefähr so ist das Album "Reprise" auch gedacht, es enthält im Wesentlichen neue Versionen von Mobys größten Hits, jetzt mit Orchester und Chor und berühmten Gästen (Kris Kristofferson, Gregory Porter, Mark Lanegan). Kann man natürlich machen. Die eigene Philharmoniesierung finden ja viele Popmusiker ab einem gewissen Alter ganz toll. Aber der Witz an Mobys Über-Hits wie "Why Does My Heart Feel So Bad" war doch, dass da ein Techno-Musiker alte Blues-Samples mit elektronischer Musik verband. Die Spannung lag im Bruch, in der Collage. Und jetzt? Jetzt singt ein großer Gospelchor, die Musik wird live gespielt, eine Soulsängerin schmettert den Refrain. Null Bruch. Eher Kirchentag. Aber gut, als aufgehübschte Ohrwürmer mögen diese Versionen im Autoradio funktionieren. Schmerzhaft wird's bei einem anderen Song, und dazu noch eine kurze Frage: Könnte vielleicht irgendeine supranationale Institution, gern auch die UNO, dafür sorgen, dass David Bowies "Heroes" nicht mehr kaputtgecovert wird? Schon gar nicht in so Nonnenklosterversionen wie hier? Zumindest für die nächsten, sagen wir, 50 Jahre? Danke.

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