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Popkolumne:Metalmorphosen

Ein reichhaltiges Klanggebilde lieferten die Wrekmeister Harmonies mit "You've Always Meant So Much to Me".

Einerseits war das Jahr 2014 für die Popmusik enttäuschend: kein überragendes Album, kein einmaliger Song. Aber im Metal-Genre gab es einige große Überraschungen. Und eine CD wurde zur Konsensplatte des Jahres.

Für mich war 2014 ein seltsames Musikjahr. Ich habe keine Musik gehört, die mir über Schicksalsschläge hätte hinweghelfen können, keine Musik, die aufgeflammt wäre wie eine neue Liebe, kein Song, zu dem man so unverstellt hätte Ja sagen können, dass er "mein Song" gewesen wäre.

Zwei Binnentrends sind mir aber aufgefallen, sind als Gewinn, als Zuwachs verbucht: Zum einen junge britische Popmusiker, die jenseits von Dubstep, House, Dancefloor eine fast splitterfasernackte, asketische und doch mit Versprechungen angefüllte Variante Pop durchzusetzen scheinen: weiter unten mehr.

Zum anderen ist es die Wandlungsfähigkeit, die manche Musiker dem vielleicht konservativsten Genre des Pop abverlangen, nämlich Metal. Das hat sich 2013 schon angedeutet mit dem genresprengenden Monumental-Drones von Wrekmeister Harmonies alias JR Robinson, der es fertiggebracht hat, seiner Musik keinerlei Kompromisse abzunötigen und trotzdem den Insider-Zirkel dieser musikalischen Erlebniswelt von Gelegenheitssatanisten und Weltuntergangseuphorikern zu verlassen.

Popmusik Booty, Happy, Wurst
Jahresrückblick - Glossar
Das Popmusik-Jahr 2014

Booty, Happy, Wurst

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Seine nicht nur an Metal-Stilmitteln reichen, sondern auch an Ambient-Musik geschulten Kompositionen beziehen ihr Ursprungsmaterial oft aus Aufnahmen, die in den großen Museen dieser Welt im Rahmen von Installationen gewonnen wurden, vom Centre Pompidou bis zum Warhol Museum in Pittsburgh.

In einem langgezogenen Crescendo und Decrescendo stellt Wrekmeister Harmonies auch 2014 ein solches Klanggebirge vor uns aus: "You've Always Meant So Much to Me" (Thrill Jockey), eine an Berichte und Interviews zu den Manson-Morden angelehnte Arbeit, die quasi das Innerste ihres Schöpfers als Lärm nach außen kehrt, eine Seelenlandschaft.

Man kann sich JR Robinson ausliefern, sich in seinen Drone-Wüsteneien verlaufen- auf jeden Fall wird man vergessen, dass man sich auf Genre-Terrain bewegt. Ein kaum zu überschätzender Gewinn. Und wie im Umkehrverfahren verschlankt ein Projekt, das sich Holy Sons nennt, Stücke, die man aus Punk und Metal kennt, zu akustischen Zeitlupensongs: "The Fact Facer" (Thrill Jockey); auch hier wird eine Ausdrucksform neu gedacht.

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