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Popkolumne:Meister der Memes

Beyoncé merkt an, dass Meghan Markle der schwarzen Kultur angehört, Stella Sommer macht Chanson-Pop und Little Simz wahrt die Grimmigkeit.

Weil Popkultur ja bekanntlich auch nur ein Spiegel des alltäglichen Lebens ist, wechseln sich die großen und kleinen Momente unvorhersehbar ab. Zum Beispiel in der vergangenen Woche: Fast übersehen, weil eingezwängt zwischen Grammys und Oscars, fanden da die Brit Awards statt. Denkbar unspektakulär war die Verleihung des großen britischen Musikpreises, ein ganzer langer Abend, klein und schnell vergessen. Und dann, plötzlich, doch noch Content für das Internetzeitalter, produziert von zwei Preisträgern, die gar nicht anwesend waren, aber ein Instagram-Video schickten: Beyoncé und Jay-Z bedankten sich mit einem Reenactment ihres Videos zu "Apeshit" aus dem letzten Jahr, in dem sich die Eheleute im Pariser Louvre als Stammhalter einer kulturellen Dynastie zwischen uralten Ölschinken inszenierten. Wieder stehen die Carters vor einem Gemälde, wie vorher vor der "Mona Lisa", nur dass es diesmal ein Porträt von Meghan Markle ist, seit 2018 Duchess of Sussex. Klar, denkt man, eine britische Prinzessin, das passt zu einer Dankesrede für einen britischen Preis. Viel interessanter ist, was drunter steht: "Zu Ehren des Black History Month verbeugen wir uns vor einer unserer Melanin-Monas." Damit holen sie die Herzogin zurück in ihren afroamerikanischen Wirkungskreis. Uns gehört sie auch, sagen sie, und unterstreichen einmal mehr ihre Rolle als große Bilder- oder besser: Meme-Meister unserer Gegenwart. Anerkennung und Inbesitznahme - keiner kann das so gut und so perfekt synchronisiert wie diese beiden.

Gute Musik gibt es natürlich auch: Am Freitag erscheint "Was passiert ist" (Buback), das vierte Album der Hamburger Chanson-Pop-Band Die Heiterkeit, die eigentlich vor allem aus der Songwriterin und Musikerin Stella Sommer besteht und zur heimeligen Mischung aus Euphorie und Feelgood-Melancholie des deutschen Pop seit 2012 ein Gegengewicht bildet: Ihre Songs pflegen stets eine schöne Lethargie, eine Hinwendung zu Schlaf und Dunkelheit und Kälte. Besonders gut gelang das 2016 auf dem Doppelalbum "Pop & Tod I+II". An die Kunstfertigkeit dieser Antihymnen zwischen existenzieller Lyrik und charmant schwebender Pop-Instrumentierung reicht die neue Platte nicht ganz heran. Aber Sommer stellt ihrer tiefen, lakonischen Gesangsstimme ein paar neue Instrumente und Stimmungen zur Seite: die hellen Showbläser im Titelstück etwa, den synthetisch-dunkelgrauen New-Wave-Vibe von "Das Wort", oder die Reminiszenzen an die guten Enden des deutschen Schlagers, die in "Wie finden wir uns" und "Die Linie im Sand" aufscheinen, irgendwo im Schnittwinkel aus Ingrid Caven, Alexandra und Manfred Krug.

Genau wie bei Stella Sommer muss man sich auch bei Simbiatu Ajikawo wundern, dass der Erfolg noch nicht mit den musikalischen Fertigkeiten mithält. Unter ihrem Künstlernamen Little Simz hat die Rapperin aus Nordlondon bereits zwei LPs und einige Bandcamp-Alben veröffentlicht, auf denen sie scharfsinnigen Conscious-Rap mit der Energie von fiebrig hinproduzierten Mixtapes verband. "She's the illest doing it right now", fand Kendrick Lamar. Auf der neuen Platte "Grey Area" (Age 101/Awal) zeigt sie sich mit derselben Angriffslust, wütet in rasanten Raps gegen Mansplainer und vergleicht sich gleich im Opener "Offence" mit den drei (männlichen) Genies ihrer Welt: Picasso, Jay-Z, Shakespeare (in dieser Reihenfolge). Neben den amüsanten Prahlereien ist "Grey Area" aber vor allem musikalisch einnehmend und ja, bei all den harschen Worttiraden, auch sexy. Unterfüttert ist alles mit einer warmen, knackigen Live-Instrumentation, die geschickt die einzelnen Songs verbindet: Bläser, funky Gitarrenlicks, knarzige Flöten und Streicher. Kurzum, es groovt. Und verliert trotzdem nicht diese tolle britische Grimmigkeit.

Zum Schluss noch ein paar Zeilen für eine der bemerkenswerten, kleinen Neuentdeckungen des noch jungen Jahres: Unter dem Namen Spellling macht Tia Cabral wunderbar abgedrehten Elektro-Pop, so dunkel und experimentell und auf sonderbar beruhigende Weise fließend, dass man beim Suchen nach Vergleichen erst ratlos ist und dann im toten Winkel zwischen Kate Bush und Solange landet. Das erste Album "Pantheon Of Me" flog 2017 noch weitgehend unter dem Radar der Popwelt. Der Nachfolger "Mazy Fly" (Sacred Bones) glänzt nun mit kosmischen Synthie-Songs, die versponnen und langsam vor sich hinpluckern und gerade wegen ihrer eigensinnigen Mischung aus Gitarrenhall, Soul- und Spukgesängen und extraterrestrischem Zirpen ganz tief ins Gefühlszentrum hineinkriechen. Ziemlich unheimlich ist das. Und irre schön.