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Popkolumne:Weiter hinten lauert der Wellnessbereich

Wolf Alice - Pressefotos

An den Rändern drohen Kitsch und Schlager, Ellie Rowsell von "Wolf Alice" steht in der Mitte aber sehr stabil. Nichts als Verehrung.

(Foto: Jordan Hemingway)

"Wolf Alice" machen immer noch Wohlklang mit Anspruch, um "Maroon 5" ist es weiterhin schade. "Sleater-Kinney" bleiben die Besten für Handkantenschläge und die "Bad Brains" die Alten.

Von Max Fellmann

(Foto: Jordan Hemingway)

Wohlklang ist etwas, das man sich trauen muss. Wird ja an den Rändern immer gleich gefährlich: In der einen Richtung wartet der Kitsch, in der anderen der Schlager, weiter hinten lauert der Wellnessbereich. Ellie Rowsell hat da zum Glück ein ziemlich gutes Gespür. Auf bisher zwei Alben hat die Engländerin mit ihrer Band Wolf Alice gezeigt, wie Wohlklang mit Anspruch geht. Beim neuen Album "Blue Weekend" (Dirty Hit Records) versteht man sofort wieder, warum die Band in England so geliebt wird: Wolf Alice sind wie Coldplay in den frühen Jahren mit Lana Del Rey in der Mitte. Sehr klare, klassische Songs zwischen Indie-Pop und Hymne, mal sanft, mal ganz großer Donner, dann wieder flüsterzarte Momente, die Fans das Gefühl geben, sie seien gerade mit Ellie allein im Zimmer - auf ein gutes Gespräch. Manchmal gerät das Ganze auch etwas ätherisch-verkünstelt, dann sieht man im Hintergrund geradezu Kate Bush zum Fenster reinsegeln. Aber egal, allein für die wirklich zauberhaften Chöre, die Ellie Rowsell in "Safe From Heartbreak" mit sich selbst singt: nichts als Verehrung.

(Foto: dpa)

Ach, es ist schade um Maroon 5. Die Band aus Los Angeles hat mal guten, frischen Pop gemacht, der im Autoradio für nette Überraschungsmomente sorgen konnte. Adam Levine ist ein fantastischer Sänger, die Musiker können was. Da waren immer auch Details zu finden, die Spaß machten - hier ein virtuoser Gitarrenschlenker, da ein liebevoller Beach-Boys-Akkord. Aber nach den ersten Erfolgen, man kann es ihnen nicht verdenken, haben die fünf gemerkt, dass sie ja noch viel mehr Geld verdienen könnten, wenn sie ihre Musik einfach so lang glattbügeln, bis sie keine Überraschung im Autoradio mehr ist, sondern einfach klingt wie: Autoradio. Jetzt erscheint das siebte Album "Jordi" (Universal). Songs wie blank gewischte Plastikmöbel, Musik aus dem Computer, alle Stimmen per Autotune totgeglättet. Ja, das ist schon oft auch melodiös, geschmeidig. Aber wie schade es um Maroon 5 ist, wird einem bewusst, wenn dann plötzlich als elftes Stück der Hit "Memories" kommt: traumhaft schön, sanftes E-Piano, wehmütiger Gesang, nah an "No Woman No Cry", aber dann eben doch eigen und gefühlvoll. Die Ausnahme, leider.

(Foto: Mom+Pop (H'Art))

"Path Of Wellness": Vielleicht meinen Sleater-Kinney mit dem Titel ihres neuen Albums (Mom+Pop) den Weg, auf dem sich ihr Heimatland USA seit Joe Bidens Amtsantritt befindet. Ihr vorheriges Album war ein wütendes Ansingen gegen Trump und den ganzen Irrsinn, es hieß "The Center Won't Hold". Produziert und behutsam elektronisiert hatte das die große Kollegin St. Vincent. Ein spannender Schritt für die altgedienten Punkpop-Frauen. Jetzt aber gehen Sleater-Kinney wieder allein weiter, inzwischen zum Duo geschrumpft. Die Songs handeln diesmal weniger von Politik, sondern vor allem vom Zwischenmenschlichen, Privaten. Weil das Private aber natürlich politisch ist, erst recht bei Sleater-Kinney, blitzt die Punk-Wut nicht nur im schön schrägen Gitarrengewühl auf, sondern auch in sarkastischen Texten: "Complex Female Characters" rechnet mit männlichen Lippenbekenntnissen ab, es handelt von einem Kerl, der sagt, er möge ja komplexe weibliche Charaktere, aber "I want my women to go down easy" - am Ende will er doch vor allem Frauen einfach ins Bett kriegen. Für solche kurzen, klaren Handkantenschläge sind Sleater-Kinney immer noch die Besten.

(Foto: Roir (Cargo Records))

Zum Schluss eine herrliche Wiederveröffentlichung: Nach knapp 40 Jahren erscheint das Debütalbum der Bad Brains noch mal in hübsch. Aber ha, was heißt schon hübsch, am Mülleimer-Klang und der manischen Wucht von "Bad Brains" (Org Music) hat sich nichts geändert, zum Glück. Hardcore-Punk der ersten Stunde, immer noch ein unfassbarer Sturzflug, superschnell, superkopflos, dabei immer superpräzise gespielt. Ist ja auch der Gründungswitz: Das Quartett, allesamt People of Color (in diesem Genre damals wie heute extrem ungewöhnlich), hatte sich eigentlich unter dem Namen Mind Power zusammengefunden, um Fusion-Jazz zu spielen. Der Sprung von kopflastigen Jazz-Akkorden mit verminderter Quinte zu Songs wie "Attitude" und "Banned in D.C." hätte anderen garantiert Bänderrisse gebracht. Aber die vier landeten verblüffend sicher und brannten dann jahrelang die Häuser ab mit ihrer Mischung aus Vollekraftvoraus und unvermittelten Reggae-Abbremsern. Wenn man jetzt noch mal mit blutenden Ohren das Debüt hört und bei Tempo 210 plötzlich zum Schunkel-Offbeat von "Jah Calling" in den Sand gerät, kann es einen immer noch überschlagen. Toll.

© SZ/biaz
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