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Popkolumne:Malmzeit

Neue Musik von Beabadoobee, Matt Berninger, Woodkid und Emmy The Great - sowie die Antwort auf die Frage, wie sich ein neues Popgenre anhört, das nach einer Welt vor Social Media und 9/11 klingt, aber von der Generation Z erzählt.

Von Annett Scheffel

Eigentlich klingt das alles viel zu einfach: Mit 17 bekam Bea Kristi von ihrem Vater eine Gitarre und begann unter ihrem Instagram-Namen Beabadoobee Songs zu schreiben. Gleich der allererste, eine verwaschene, spärlich instrumentierte Bedroom-Ballade namens "Coffee", wurde zum viralen Superhit. Heute ist Kristi auch erst 20, wohnt noch bei ihren Eltern in London und hat für ihr Debütalbum "Fake It Flowers" (Dirty Hit) interessanterweise den Verstärker aufgedreht: weg vom Süßlich-Selbstgemachten, hin zu einer Gitarrenästhetik, den man von Alternative-Bands der Neunziger kennt, von Veruca Salt oder den Lemonheads. Malmend, melodisch und dicht sind die Gitarrenwände jetzt. Darüber liegt aber immer der feine Schimmer verträumter Popmelodien, weswegen die Musik im Netz mittlerweile unter dem schönen Begriff "Bubblegum Grunge" geführt wird. Die Texte drehen sich um klassische Themen des Erwachsenwerdens, aber schön geradeaus erzählt und mit intimen Details. In den besten Momenten ("Care", "Worth It") klingt das wunderbar dynamisch. Wie ein neues Subgenres, das nach einer Welt vor Social Media und 9/11 klingt, aber von der Generation Z erzählt.

Apropos: Einen Gitarren-Sound, den man so auch schon kennt, gibt es auch von Matt Berninger. Auf "Serpentine Prison" (Book's/Concord), seinem Debüt als Solokünstler, probiert der Sänger von The National überraschend wenig Neues aus. Dabei wäre so eine Soloplatte nur spannend gewesen, wenn sie sich neben die bekannten, elegant-rustikalen Indie-Folk-Pfade gewagt hätte. Höchstens ein Stück weiter in Richtung Americana und weg von den teils nervösen The-National-Songstrukturen geht es auf dem von der Stax-Records-Legende Booker T. Jones produzierten Album. So sind die neuen Songs zwar schön, und Berningers trockener Bariton auf dieselbe schlichte Art tröstlich wie ein hochgeknöpfter Mantel in kühler Nacht; etwas mehr Variation hätten sie aber gut vertragen.

Ein pop-ökonomisch interessanter Fall ist der Franzose Yoann Lemoine. 2013 erfand sich der gelangweilte Videoregisseur als Popmusiker Woodkid neu. In der Spur des Erfolgs der hypersensiblen Elektro-Introspektionen von James Blake baute er seine Marke aber mehr in Richtung Naturromantik und digitalem Bombast: ein hipper Pathos-Pop, der bald zum Soundtrack von Filmen, Modeschauen und Werbespots wurde. Ein Album genügte für sieben Jahre gute Auftragslage. Nun erscheint ein Nachfolger: "S16" (Island) ist nach chemischem Symbol und Atomzahl von Schwefel benannt und arbeitet sich an dessen Bedeutungsebenen ab: zwischen organischer Grundlage und dämonischer Mystifizierung, Leben und Sündenfall, Mensch und Maschine. Inhaltlich bietet das genug Spielraum. Die Musik dazu klingt allerdings merkwürdig unfrisch: eine Art Orchester-Neo-R'n'B mit hochtrabendem Gesang, dicken Streicherschichten und vibrierenden Bässen. "S16" ist weniger Popalbum als Angebotskatalog für die musikalische Begleitung von Blockbuster-Drohnenaufnahmen.

"April" von Emmy the Great ist die vierte Platte der immer noch erstaunlich unbekannten Künstlerin und zeitgemäß wegen seiner globalen Perspektive: Emma-Lee Moss, wie sie bürgerlich heißt, ist die Tochter eines Briten und einer Chinesin, aufgewachsen in Hongkong und dem ländlichen England, bevor sie erst nach Los Angeles und dann nach Brooklyn zog und für ihre Elternzeit noch mal zurück nach Hongkong. Genauso klingt auch die Musik: satter Folk-Pop, der sich forschend zwischen den Welten bewegt: Wir hören Streicher und kantonesische Klangschalen, Akustikgitarren, Xylophone und Samples von Hongkonger Ampelsignalen. Alles in stilsicheren Kombinationen, bei denen es weniger um Kontraste als um verbindende Elemente geht. Um eine Art von Melancholie zum Beispiel, die sich die modalen Gamelan-Tonleitern mit der Gesangsmelodie im besten Stück der Platte teilen. "Okinawa/Ubud" heißt es und stellt nebenbei die Frage: Wo gehört man hin als Mensch mit mehreren Heimaten?

Was fehlt? Die neue Single von Julia Jacklin. Die australische Songwriterin macht düster vor sich hin köchelnden Indierock (ihr letztes, sehr gutes Album "Crushing" erschien 2019). Der neue Song ist, wie so oft bei Jacklin, eine raffinierte emotionale Falle: Er beginnt ruhig und schwingt sich in drei Minuten unversehens zu einer glühend intensiven Gitarrenballade auf. Bemerkenswerter ist aber auch, dass sich hier die Zeit eines neuen, großen Popthemas ankündigt: das ganz normale Leben mit Covid-19. Der Titel der Single: "To Perth, before the border closes".

© SZ vom 14.10.2020
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