Popkolumne:Das Herz, ein unzerstörbares Gummiobjekt

Low Band

"Low" bringt Langsamkeit mit minimalistischen Arrangements gekonnt in Einklang.

(Foto: Nathan Keay)

Waghalsiger Folk-Pop von Someone. Und dazu: die vorpandemischen Depressionen von Homeshake, Liebesleid von Saint Etienne und eine der besten Bands der Welt.

Von Juliane Liebert

Es ist wie immer im Leben, erst passiert eine halbe Ewigkeit so gut wie nichts und dann alles auf einmal. Es gab dieser Tage ein neues Drake-Album, ein neues Kanye-West-Album - und die Verheißung auf ein neues Album von ABBA! Nie wurde länger auf eine Zugabe gewartet. Wer hätte es gedacht? Vielleicht wird doch noch alles gut. Jetzt werden verirrte Seehundbabys ihre Eltern wiederfinden und böse Ölmagnaten an ihrem Krabbencocktails ersticken. Aber, Überraschung, von nichts davon soll hier die Rede sein. Denn die Waghalsigkeit der Woche kommt von Tessa Rose Jackson, genannt Someone. Was erst einmal überraschen mag, weil sie ganz seidenweichen Folk-Pop macht, geschmackssicher und gerade mit soviel Psychedelic-Microdosing in Form von Hallschwaden und halbwachen Vocals versehen, dass es einem ein leicht debiles Lächeln ins Gesicht malt. Was also hat sie getan? Etwas Unaussprechliches.

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Aber wir holen kurz Luft und sagen es, so schwer es fällt: Sie hat "Blowing in the Wind" gecovert. Und zwar ganz traditionell mit Fingerpicking. Sollte sich dahinter eine sadistische Neigung verbergen, hätten wir einen Tipp fürs kommende Album: "Morning Has Broken". Aber das bisschen perverse Folter macht "Shapeshifter" (Tiny Tiger Records/Warner/ADA) natürlich nicht weniger lieblich und gekonnt. Deshalb nur noch ein kurzer Hinweis an Promotextautoren: Keine debütierende Musikerin - wirklich nobody, also auch nicht Someone - hat es verdient, mit einem halben Dutzend berühmter Kollegen verglichen zu werden, bevor sie nicht wenigstens die Chance hatte, ihren eigenen Stil zu zeigen. An dem arbeitet die niederländisch-britische Singer-Songwriterin nämlich durchaus, wie gerade der letzte und titelgebende Track "Shapeshifter" zeigt, der den introvertierten Sound mit einem nervösen Bass-Drive versieht, ins Orchestrale weitet und in einer expressiven Coda ausklingen lässt.

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Ansonsten gibt es neue Musik von Peter Sager. Peter Sager, genannt Homeshake, war auch vor der Pandemie schon viel zu Hause. Daher vermutlich sein Alias (nicht über den Scharfsinn wundern, Popkolumnenautorinnen sind darauf trainiert, selbst feinste Anspielungen zu erkennen). "Under The Weather" (Sinderlyn/Cargo) - eine englische Redewendung für "nicht ganz fit sein" - musikalisiert demnach auch keinen Lockdown-Koller, sondern Peter Sagers ganz ureigene Depression. Die klingt wie ein erschöpfter Devonté Hynes (aka Blood Orange), also wie synthverglitzerter Soul mit weichen Knien. Das ist überraschenderweise ziemlich schön. Was auch für sein Video zum Song "Vacuum" gilt, in dem eine eierköpfige Figur mit knetigen, roten Lippen trübsinnig durch eine neonfarbene Zukunftsstadt im "Blade Runner"-Stil stapft.

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Nach "Blade Runner" im weitesten Sinne klingt auch "Hey What" von Low. Low sind sowieso eine der besten Bands dieses Planeten, wie man schon vorher unschwer an ihrem Cover von "Last Night I Dreamt That Somebody Loved Me" erkennen konnte. Einen Smiths-Song so zu covern, dass man nicht lieber das Original hören möchte, ist ein Kunststück für sich. Wobei: Inzwischen ist man ja sehr froh, wenn man Morrisseys Songs ohne Morrissey hören kann. Ihr neues Album beginnt mit dem Track "White Horses", und der geneigte Zuhörer bemerkt sofort die weißen Pferde, die durch den Gitarrenlärm jagen. Eine wilde Jagd, nicht wie die Band, sondern wie die wilde Jagd aus der Volkssage, die als Vorbote von Kriegen, Pest und generellem Unheil galt und die Seelen von Schlafenden mitzieht. Das tut "Hey What" mit seinen Soundscapes, hypnotischen Stimmen und sich überlagerndem, fein justiertem Krach auf jeden Fall.

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Wem das zu düster ist, der kann sich stattdessen auch Saint Etienne hingeben. Die Band dürfte seit ihrem "Only Love Can Break Your Heart"-Cover jedem bekannt sein, der schonmal Liebeskummer hatte. "I've Been Trying To Tell You" ist ihr siebtes Studioalbum und zugleich ein Filmprojekt. In ihm beschwören sie die Neunziger herauf. Und sie nehmen sich Zeit damit, lassen die Welt, in der man noch Röhren- statt Flatscreenfernseher hatten, in warmen Klangfarben allmählich aufglühen. Das Herz ist hier schon so oft gebrochen und wieder zusammengeknetet worden, dass es eine Art unzerstörbares Gummiobjekt geworden ist, das man wie einen Flummi in Zeitlupe durch den Pop-Raum hüpfen sieht. Die wilde Jagd kann einen, solange man diese Musik spielt, auf jeden Fall nicht aus den eigenen Träumen rauben.

© SZ/biaz
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