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Popkolumne:Klappern und rappeln

Die Popereignisse der Woche. Diesmal mit neuer grandioser Musik von den Gorillaz, Jim James und Teyana Taylor - sowie der Antwort auf die Frage, welchen Tour-Slogan von Guns N' Roses man wirklich gerne einmal lesen würde.

Von Julian Dörr

Graham Coxon, Gitarrist und seit einigen Jahren Solokünstler, wurde kürzlich in einem Interview gefragt, ob die alten Britpop-Helden von Blur jemals wieder ein neues Album veröffentlichen werden, woraufhin er die wundervolle Antwort gab: "Warum denn nicht? Wir sind alle am Leben und haben unsere Fähigkeiten noch einigermaßen im Griff." Ist auch eine gute Zustandsbeschreibung für die retromanische Popindustrie. Und ein feiner Werbeslogan. Man stelle sich nur so ein Plakat vor: "Guns n' Roses, diesen Sommer auf Tour!

Gorillaz

Sie sind am Leben und haben ihre Fähigkeiten noch einigermaßen im Griff!" Damon Albarn, neben Coxon der wichtigste Faktor einer neuen Blur-Platte, ist glücklicherweise sogar etwas mehr als einfach nur am Leben und einigermaßen Herr seiner Fähigkeiten. Am Freitag erscheint mit "The Now Now" (Parlophone/Warner) ein neues Album seines musikalisch-visuellen Dauerkunstwerks Gorillaz. Es ist schon die zweite Platte in zwei Jahren. Dass Albarn seine ruhelose kreative Energie auf einem einzigen Projekt bündelt, ist einigermaßen neu. "The Now Now" ist nun ein sehr facettenreiches Album geworden (sehr typisch), mit auffällig wenigen Kollaborateuren (sehr untypisch). Eine von zwei Ausnahmen: ein recht müder Gastauftritt von Snoop Dogg im zähen Groove von "Hollywood". Der Rest ist mal sommerlich federnder Retro-Pop ("Humility"), mal ein drückender Synthwave-Tanzabend im Kuhglocken-Dauerbeschuss ("Lake Zurich"). Man könnte das jetzt als zweites durchwachsenes Gorillaz-Album in zwei Jahren wegsortieren, wäre da nicht diese Stimme, die wie keine zweite im zittrigen Sinkflug durch die wundervoll vernebelte Melancholie von Songs wie "Kansas" und "Idaho" segelt. Jene Melancholie, die Albarn vor elf Jahren mit dem All-Star-Projekt The Good, the Bad & the Queen schon einmal zur Vollendung gebracht hat. Auch da soll es übrigens noch in diesem Jahr ein neues Album geben. Hat der Meister selbst kürzlich bestätigt.

Wi-didli-di-di, wi-didli-di-dö-dö. Woah. Hat man seit 1974 jemals wieder einen Plattenanfang gehört wie dieses Gitarrenmassaker, mit dem Jim James seine neue Solo-Platte "Uniform Distortion" (ATO Records) beginnt? Hauptberuflich driftet der Sänger schon seit Ende der Neunzigerjahre mit seiner Band My Morning Jacket durch die Klangwelten von Soft Rock bis zu vietnamesischem Soul. Solo spielt er nun heftig verzerrten Bluesrock mit einer Verschwendungssucht, die an die größenwahnsinnigsten Zeiten von Led Zeppelin erinnert. Musik, zu der man mit der Harley Davidson den Hotelflur runterknattern kann. Es wäre nur langweiligster Protz-Rock, wäre da nicht James' Stimme. Oder besser: Wäre da nicht, was da nicht ist in der Stimme von Jim James. Denn dort, wo zu diesen Höllenriffs eigentlich ein Donnergott wüten müsste, ist: nichts als Hall. James' Stimme schwebt durch den Raum, sie scheint von überall und nirgendwo zu kommen. In ihrer Körperlosigkeit konterkariert sie grandios die Körperlichkeit dieser Musik. Oder wie es James selbst ausdrückt: "I'm either behind the times or ahead of the times/ Maybe I'm just out of time" - ich bin entweder hinter der Zeit oder meiner Zeit voraus, vielleicht bin ich aber auch einfach ganz aus der Zeit gefallen. Schon wird aus angegilbtem Bluesrock etwas popistische Dialektik.

Teyana Taylor

Die Kanye-Wochen sind vorerst vorbei: Mit "K.T.S.E." (G.O.O.D. Music) der Sängerin Teyana Taylor ist vergangene Woche das letzte der fünf in der Einöde von Wyoming von Kanye West produzierten Alben erschienen. Und es ist ein gelungener Abschluss. "K.T.S.E." ist ein sehr gutes und sehr klassisches Soul-Album, das zwischendurch - wenn es allzu klassisch wird - immer wieder klappert und rappelt. Zu verdanken ist diese Schlagseite natürlichKanye West, über dessen meisterhafte Sample-und Stimm-Wischereien auf "Rose In Harlem" man nur staunen kann.

Zum Schluss noch ein Hinweis auf das neue Mixtape "Planet Megatron" (Division) des deutschen Rappers RIN. Böse Zungen werfen ihm vor, den immer gleichen "Kippen und Supreme"-Song im Fegefeuer des Autotune neu zusammenzumischen. Das ist natürlich Quatsch. Denn erstens öffnete sich RIN nach seinem Debüt-Erfolg "Eros" stilistisch. Die Beats knarzen heftiger, die Synthies heulen lauter. Und zweitens pulsiert hier hinter Konsumlyrik und Popkulturzitat eine Emotionalität, die es so im deutschen Rap sehr selten gibt. Klar, die Schuhe sind von Nike und Kanye singt "All Of The lights", aber was RIN hier eigentlich erzählt, sind großartige Sehnsuchtsgeschichten aus der finsteren Nacht, die wir Leben nennen. Julian Dörr

© SZ vom 27.06.2018
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