Süddeutsche Zeitung

Popkolumne:Kein Song muss so bleiben

Remix-Kuratorin. Schon mal gehört? Das ist ein Mensch, der von einer Künstlerin beauftragt wird, bei anderen Künstlern Remixe der Werke der Künstlerin in Auftrag zu geben. Vorhang auf für Nina Kraviz.

Von Jan Kedves

Kein Song muss so bleiben, wie er ist. Denkt sich St. Vincent nun schon zum zweiten Mal, und zwar in Bezug auf ihr Grammy-prämiertes Album "Masseduction" aus dem Jahr 2017. An dieser Stelle wurde es damals als "unbeirrt eigenwilliger Indie-Elektro-Pop in der Tradition der Talking Heads" gelobt. 2018 gab es mit "MassEducation" eine auf dem Klavier eingespielte Akustik-Version. Jetzt folgt mit "Nina Kraviz Presents Masseduction Rewired" (Loma Vista) die Erweiterung in Richtung Clubkultur: ein Remix-Album, für das Annie Clark, wie St. Vincent bürgerlich heißt, den Job des Remixe-in-Auftrag-Gebens outgesourct hat an die russische Star-DJ Nina Kraviz. Die darf sich nun "Remix-Kuratorin" für ein ganzes Album nennen - eine brandneue Job-Beschreibung im Pop! Kraviz hat bei Produzenten wie Bjarki und PTU trippig-verspulte Techno-Versionen zum Song "Pills" bestellt, nun ja, das überrascht weniger. Sie klingen detailliert so, als seien sie für das mächtige Funktion-One-Soundsystem des Berghain produziert. Toll ist Fred Ps Version von "Happy Birthday Johnny". Sie erinnert an die Drum&-Bass-Phase des britischen Popduos Everything But The Girl. Ebenfalls ganz wunderbar: die "Slow Disco"-Version des norwegischen Produzenten EOD. Sie klingt, als würde Stéphanie von Monaco ihren Soft-Synthie-Hit "Irresistible" aus den Achtzigern noch einmal durch ein Schlumpf-Mikro singen.

Kein Song muss so bleiben, wie er ist - denkt sich auch Kat Frankie. Die in Berlin lebende, australische Singer-Songwriterin veröffentlicht ihre "Bodies"-EP (Groenland), auf der sie mit einem Frauenchor Songs ihres "Bad Behaviour"-Albums neu einsingt, und ein neuer Song ist auch dabei: "How To Be Your Own Person". Man würde hier ja um das Klischeewort "Frauenpower" gern herumkommen, aber wie soll man das anders nennen, wenn weibliche Stimmgewalt, so nachdrücklich, so sanft, so harmonisch zu einem Klangkörper verschmilzt? Songs wie "Bad Behaviour" oder "Versailles" klingen in diesen akustischen Versionen, als wären sie von jeder Zeitlichkeit befreit. Sogar die Perkussionen haben die Frauen körperlich erzeugt: Klatschen, Fingerschnippen, Fußstampfen... Aus "Headed For The Reaper" wird so ein eindrückliches Spiritual.

Bislang dachte man ja, dass Casper der heiserste deutsche Rapper sei. Konkurrenz bekommt er von Fero47, der bürgerlich Ferhat Tuncel heißt und aus Bad Pyrmont stammt. Der Rapper mit kurdischen Wurzeln verleiht auf seinem Debütalbum "47" (Sony Music) der Heiserkeit einen neuen, gleichzeitig aggressiven, verzweifelten und stolzen Gangster-Glamour. Oder ist das eine spezielle, brutal geraspelte Form von traditionellem kurdischem Kehlkopfgesang? So oder so: Das aus dem Deutschrap eigentlich zu Genüge bekannte Vokabular ("Kokain", "Hure", "Bra") klingt bei Fero47 wieder anders, also: interessant. Die arabesken Melodien sind hübsch, nur die Afro-Reggae-Beats wurden vielleicht etwas zu stark auf den aktuellen Chart-Gusto abgestimmt. Fero47 hebt sich dann aber auch dadurch hervor, dass er so auf Dreier-Rhythmen steht, oder: Dreier-Wiederholungen. Er rappt "tot, tot, tot", "Coupé, Coupé, Coupé", "désolé, désolé, désolé". Außerdem ist er, ironisch, offen für Rap-fremdes Instrumentarium. In der Bruderhymne "Immer zu zweit" rappt er: "Wenn ich will, pack ich in den Song 'ne Ukulele, doch was ist eine Ukulele gegen meine Kehle?"

2019 wird in die Pop-Geschichte eingehen als das Jahr, in dem Country plötzlich wieder in aller Munde war. Das liegt an dem 20-jährigen Rapper Lil Nas X und seinem Hit "Old Town Road". Wer tiefer in die Materie einsteigen will, bekommt mit "Fully Loaded: God's Country" (Warner) von Blake Shelton Gelegenheit. Auf der Best-of-Kompilation wimmelt es vor biblisch-dräuenden Endzeit-Beknurrungen. Dürren, Tornados, Staubluft, verrostete Trecker: Eigentlich ist alles schrecklich in diesem gottverlassenen Oklahoma, aber Shelton will trotzdem hier begraben sein. Speziell für das Album aufgenommen hat er das Duett "Nobody But You" mit seiner Ehefrau Gwen Stefani, der No Doubt-Sängerin. Eigentlich ein netter Song, aber dieses betuliche, mit Hall belegte Gitarren-Gefummel à la Coldplay am Anfang: bäh! Toll ist dafür der Song "She's Got A Way With Words". Shelton singt: "She put the ex in sex / She put the low in blow / She put a big F.U. in my future". Das könnten auch tolle Rap-Reime sein, und ja: Man könnte sich den Song auch als Country-Trap-Remix vorstellen. Warum schaut nicht Lil Nas X für ein paar Gast-Reime vorbei?

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Quelle:
SZ vom 11.12.2019
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