bedeckt München 17°
vgwortpixel

Popkolumne:Kaufen, ohne den Preis zu kennen

Neue Alben von Father John Misty, James Black, Oneohtrix Point Never, Actress und Underworld & Iggy Pop.

Gute Gründe, sich über ein neues Album von Josh Tillman zu freuen, gibt es genug. Sein immer ein wenig angetrunken wirkender, aber so scharfsinnig wie spöttisch auf unsere Welt schauender Alter-Ego Father John Misty ist für die zeitgenössische Popmusik vielleicht das, was Martin Kippenberger für die Postmoderne war: ein King der ironischen Pointen. Auf seinem vierten Album, "God's Favorite Customer" (Bella Union), wendet er den Blick nach innen: Wie immer reichlich ironisch hangelt er sich an all den bitterbösen und absurden Momenten einer schiefgelaufenen Liebe entlang. Ein wenig einseitig kann man all diese Selbstreflexion finden - vor allem im Vergleich zum zynischen Rundumschlag des Vorgängers "Pure Comedy" (2017), auf dem er seinen vernichtenden Blick auf die westliche Kultur in üppig orchestrierte Popsongs goss und über Cybersex mit Taylor Swift sang. Musikalisch hat Tillman nur wenig verändert, außer vielleicht, dass die schummrigen Harmonien noch mehr nach dem Siebzigerjahre-John-Lennon und die Streichersätze nach dem Symphonie-Rock von Electric Light Orchestra  klingen.

Apropos trauriger Mann: Von eben dieser Zuschreibung scheint James Blake die Schnauze voll zu haben. In einem Twitter-Statement machte der Electronica-Songwriter seinem Ärger über die Wörtchen "sad boy music" Luft. Genau die waren in einer Besprechung seiner neuen Single "Don't Miss It" gefallen. In der Pianoballade singt Blake mit digital bearbeiten Falsettgesang über das Gefühl von Einsamkeit und Entfremdung. Ein für Blake typischer Modus Operandi. Den Ausdruck "sad boy" habe er aber schon immer problematisch gefunden: "Es so zu bezeichnen trägt zur verheerenden historischen Stigmatisierung von Männern bei, die offen über ihre Gefühle sprechen", schreibt er. Männlichkeitswahn und Prahlerei seien kein großer Triumph, Ehrlichkeit schon. Kann man ruhig mal so stehen lassen.

Erstaunlich viele und kluge Sachen hat auch "Age Of" (Warp), die neue Platte von Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never über unsere Gegenwart zu sagen, auch wenn seine Beobachtungen eher apokalyptisch ausfallen. Der New Yorker Elektroproduzent ist bisher vor allem durch komplexe, oft bedrohlich wirkende, fragmentierte Synthesizer-Arrangements aufgefallen - und als Kreativpartner von FKA Twigs, Anohni oder Ex-Talking-Heads-Kopf David Byrne. Nun hat dieser Frickler der abstrakten Soundpatterns sein bisher eingängigstes Album aufgenommen - was man bitte nicht falsch verstehen darf, denn Popmusik nach Top-40-Maßstäben ist das noch lange nicht. Es handelt sich vielmehr um freifliegende Kompositionen aus Pianoakkorden, Glitch-Sounds und computergefilterten Klagegesängen, die in ihrer artifiziell verzehrten Gefühligkeit an Bon Ivers letztes Album erinnern. Mit etwas gutem Willen kann man das - im Gegensatz zu Lopatins früheren Werken - als Songs beschreiben. Am klarsten wird deren Botschaft in "We'll Take It", in dem eine körperlose Stimme inmitten kühler Techno-Sounds den Zustand unserer Welt mit der schlauen Zeile auf den Punkt bringt: "We'll take it / but we don't even know what the price is!" - Wir kaufen es, auch wenn wir den Preis gar nicht kennen.

Wer sich gerne von elektro-akustischen Experimenten herausfordern lässt, dem sei auch die Zusammenarbeit des britischen Produzenten Darren Cunningham, bekannt als Actress, und dem London Contemporary Orchestra empfohlen: "Lageos" (Ninja Tune) ist nämlich nicht die Art von neoklassischer Minimal Music, wie man sie von Nils Frahm oder Hauschka kennt, sondern im wahrsten Sinne des Wortes eine abstrakte Verschmelzung von elektronischen Geräuschen und Orchesterklängen. Cunningham verformt und loopt die Töne, zerhackt sie und baut sie neu zusammen, bis man gar nicht mehr weiß, was hier Cello, Streicher oder Synthesizer ist.

Zum Schluss sei unbedingt noch auf die neue Single von Underworld & Iggy Pop hingewiesen: In "Bells & Circles" (Smith Hyde Productions / Thousand Mile Inc.) schmeißen das Elektro-Duo und der Proto-Punk-Pionier zusammen, wobei man ihnen jeweils am liebsten zuhört. Underworld liefern pochende Breakbeats und dunstigen Synthie-Nebel. Und Iggy Pop erzählt dazu mit seiner unvergleichlich knarrenden Stimme von der guten alten Zeit, als man in Flugzeugen noch rauchen durfte. Ach so, klar, um die Stewardessen geht es bei Iggy Pop natürlich auch.

© SZ vom 30.05.2018

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite