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Popkolumne:Feuer füttern

(Foto: Jackie Lee Young/Keeled Scales)

Neue Musik von "Camera", Katy Kirby und den "Tindersticks" - sowie die Antwort auf die Frage, wer die ideale Pop-Performance-Kunst zum Pandemie-Überdruss macht.

Von Jens-Christian Rabe

In der einschlägigen Fachwelt gilt die aus einer texanischen Kleinstadt stammende und heute in Nashville lebende Indie-Folk-Sängerin und Songwriterin Katy Kirby als "Bible-Belt-Late-Millennial" mit Affinitäten zu den Themen Langeweile, Missverständnisse und ungeschriebene Regeln. Das kommt gut hin. Eine ausgedehnte, solide uncoole evangelikale Vergangenheit hat noch keinem Indiefolk-Hipster geschadet. Musikalisch jedenfalls. Lauter Erfahrungen, gegen die man später gut engelsgleich ansingen kann, zur zart geschrammelten Gitarre live aus Hipsterhausen. Wie singt Kirby auf ihrem neuen Album "Cool Dry Place" (Keeled Scales) im Song "Traffic!" doch gleich wieder so fabelhaft, vom Tonhöhenkorrektur-Programm Autotune leicht roboterhaft angewackelt? "The only time you're high is / when you're holding your breath." Sollte man verrückterweise mal die Nerven verlieren im Moment, dürften ein paar Takte Katy Kirby sofort helfen.

Wer dann immer noch Bedarf nach Tiefenentspannung oder eher abgrundtiefer Besonnenheit hat, für den gibt es glücklicherweise die neue, sieben Songs umfassende EP der Tindersticks: "Distractions" (City Slang). Die britische Indierock-Band um Sänger und Songwriter Stuart A. Staples bremst ihre Musik ja schon seit einer guten Weile immer weiter ein. Inzwischen muss man wohl eher von elegischen Postrock-Meditationen sprechen, mal zäh in Zeitlupe dahinwabernd, mal mit minimalisch-marschierenden Basslinien als nervöser Stillstand arrangiert. "Man Alone (can't stop the fadin')". Kein Mann allein kann das Verblassen aufhalten. Das erste Pop-Meisterwerk des Post-Maskulinismus.

Die Toningenieure und Audiotechniker sind die unbesungenen Helden des Pop. Nun ist nach Bruce Swedien (im vergangenen November) ein weiterer einflussreicher Audiotechniker gestorben: der 1926 geborene Brite Rupert Neve. Es gibt den arg monströs anmutenden Satz über ihn, seine Arbeit habe den Sound jedes Albums geformt, das man liebt. Bisschen weniger monströs, aber kein bisschen weniger eindrucksvoll klingt der Satz, wenn man weiß, wie er genau gemeint ist: Neve etablierte mit selbstentwickelten Konsolen das Equalizing als zentrale Technik der Postproduktion von Popmusik, also das systematische Ausbalancieren der verschiedenen Frequenzen einer Musikaufnahme im Nachhinein. Die Mischpulte seiner Firma Neve Electronics waren von den Sechzigern an zentraler Teil so gut wie aller wichtigen Studios der Welt, in Sound City in Los Angeles etwa, in den Electric Lady Studios in New York und natürlich in den Londoner Abbey Road Studios. Wie er auf die zündende Idee kam, erzählte Neve einmal 2015 in einem Interview: "Man bringt einen Haufen Musiker zusammen und nimmt etwas auf. Aber dann finden sie hinterher, dass man die Gitarre auf der Aufnahme nicht richtig hört. Was soll man jetzt tun? Die Nachtclubs abklappern, in der sie in der Woche nach dem Studiotermin wieder verschwunden sind? Alle wieder zurück ins Studio holen und die Songs noch mal einspielen? Sehr teuer und schwierig." Er habe dann darüber nachgedacht, ob es nicht eine Chance gebe, einfach an der Abmischung der vorhandenen Aufnahme etwas zu ändern: "Nun, und da kam ich auf das Equalizing."

Produzent der Stunde wird der 1994 geborene Brite Samuel George Lewis alias SG Lewis genannt, dessen Debüt-Album "Times" (Universal) am Freitag erscheint. Mit Robyn, Rhye und Nile Rodgers waren auch gleich noch mehrere Vertreter des geschmackvollen Mainstream-Dance-Pop-Hochadels beteiligt. Und Überproduzent Pharrell Williams lobte Lewis als "weißen Boy mit Soul". Geschmackvoll soulig ist das alles zweifellos, dazu mit Beats und Sub-Bässen schön elastisch im Viervierteltakt Richtung Tanzfläche geschubst, bissl Geigenleim dazu, zackige Funk-Gitarren-Schrammeleien, diese netten Siebziger-Disco-Doings, Handclaps, und etwas flehender Gesang. Aber, sagen wir so: Die Dreistigkeit, mit der hier, bloß ein paar Jahre nach der letzten großen Wiederbelebung von Disco durch Daft Punk oder eben Pharrell, hier dasselbe, nur ohne echte Hits, serviert wird, diese Dreistigkeit ist schon verblüffend. Retro-retro-Disco-Pop. Die eiskalte Einfallslosigkeit, die einem auch aus Songtiteln wie "One More", "Feed The Fire" oder "Heartbreak On The Dancefloor" anweht, ist aber vielleicht auch schon wieder die Performance-Kunst zum allgemeinen Pandemie-Überdruss - spätestens wenn man dazu leicht betrunken allein in der Küche tanzt.

À propos: Den Preis für den lustigsten lustlosesten Albumtitel zur Zeit gewinnt in dieser Woche die deutsche Neo-Krautrock-Combo Camera für "Prosthuman" (Bureau B). Wobei beim Hören der Platte mal wieder auffällt, wie gut, unpeinlich und wenig stümperhaft deutsche Popmusik sofort klingt, wenn sie sich auf Krautrock beruft, selbst wenn das energische Mäandern dieser Musik auf Dauer etwas fad wird. Ein paar gute Songs zum Sound hätten auch diesem Album bestimmt nicht geschadet. Manchmal reicht es in diesen Tagen aber natürlich auch einfach, wenn man sich mal energisch treiben lassen kann.

© SZ/jsl
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