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Popkolumne:Kassenbrille und Fliege

Mit Julia Holter, "Public Service Broadcasting" sowie Thom Yorke - und der Antwort auf die Frage, was passierte, wenn das Publikum bei Pop-Konzerten wirklich singen könnte.

Von Max Fellmann

Dass es Julia Holter mit ihrer Musik mal in die Charts schaffen würde, war nicht so zwingend klar. Als sie vor sieben Jahren auftauchte, verarbeitete die Amerikanerin auf ihrem ersten Album gleich Euripides zu anspruchsvollen Klangcollagen. Da steckte zwar auch Pop drin, vor allem aber Klassik und viel Experiment. Kein Wunder, Julia Holter hat einen Abschluss in Elektronischer Musik am California Institute of the Arts, wir reden hier also eher nicht von ABBA. In den folgenden Jahren wurde ihre Musik zugänglicher, eine Art Sphärenpop mit Björk-Momenten, der auch in England und Deutschland Fans fand. Ihr neues Album "Aviary" (Domino Records) macht es diesen Fans allerdings wieder schwerer: Musik, bei der man automatisch zum Programmheft greifen will, manches klingt wie das stimmende Orchester vor Beginn der Oper, dann wieder sirren die Synthesizer, ein ständiges Dröhnen und Raunen aus dunklen Klangschichten, fließend, schwebend, nur selten in Form klassischer Songs, dazwischen aber immer wieder plötzliche Momente der Schönheit. Wenn Kate Bush sich "Aviary" anhört, wird sie Julia Holter möglicherweise adoptieren wollen.

Herrlich, solche Nerds kann man sich kaum ausdenken: Die drei Musiker von Public Service Broadcasting tragen Sakkos mit Ellbogenflicken, dazu Kassenbrille und Fliege, auf ihren Bandfotos posieren sie höflich wie die Mitarbeiter einer britischen Universitätsbibliothek. In Archiven fühlen sie sich tatsächlich sehr wohl: Schon für ihr erstes Album vor fünf Jahren verwendete Mastermind J. Willgoose, Esq. (möglicherweise ein Pseudonym) alte Tonbandmitschnitte, historische Aufnahmen und Filmdialoge, heute unterhält die Band beste Beziehungen zum British Film Institute, das ihnen Material zur Verfügung stellt. Der Witz an Public Service Broadcasting ist, dass diese Fundstücke nicht etwa mit sphärischen Klangcollagen versetzt werden, sondern liebevoll eingebettet sind in euphorischen Gitarrenpop, geschult an britischen Größen wie The Smiths oder XTC, nur eben ohne Gesang. Mäandernd, traumhaft, dabei aber temporeich und federleicht: Man könnte das gut Kraut-Pop nennen. Auf der EP "White Star Liner" (Play It Again Sam) hat sich das Trio jetzt die Geschichte der Titanic vorgenommen. Zugegeben, kein ganz unentdecktes Thema, aber die Kombination von Musik und Sprecherstimmen geht wieder wunderbar auf.

Es war wohl an der Zeit: Thom Yorke hat seinen ersten Film-Soundtrack komponiert. Sein Radiohead-Bandkollege Johnny Greenwood hat ihm oft genug vorgemacht, wie es geht (unter anderem mit den fantastischen Scores zu Paul Thomas Andersons "There Will Be Blood" und "The Master"). Yorke hat sich dafür "Suspiria" ausgesucht, das Remake eines Horrorfilms, mit dem Dario Argento vor 40 Jahren für Aufsehen sorgte. Damals kam der Soundtrack von der Progrock-Band Goblin, Motive daraus hat Yorke übernommen und bearbeitet. Taugt das Ganze auch was ohne den Film? Geht so. Einzelne Songs singt Yorke auch mal zu elegischem Klavier. Die meiste Zeit aber ist die Musik nur Klangteppich. Da rumoren die Celli, irgendwo sirrt und fiept und schnarrt und knarrt immer irgendwas. In manchen Stücken stehen Geräusche der Film-Tonspur rum wie Fremdkörper, vielleicht soll das unheimlich wirken; wirkt aber eher wie ein Versehen. Leidenschaftliche Radiohead-Verehrer können in "Suspiria (Music for the Luca Guadagnino Film)" (Beggars) ruhig mal reinhören, aber das Album kann weder mit Radiohead mithalten noch mit den Soundtracks von Johnny Greenwood.

Zum Schluss noch eine kleine Entdeckung: In Toronto gibt es seit ein paar Jahren eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel "Choir! Choir! Choir!" Es ist eine Art öffentliches Singen für Jedermann, die Besucher erhalten am Eingang ein Textblatt, ein junger Dirigent bringt allen die Arrangements des Abends bei, und dann wird gesungen, einmal quer durch die Popgeschichte. Das Besondere aber ist bei "Choir! Choir! Choir!", dass die Betreiber immer wieder berühmte Gäste einladen (choirchoirchoir.com). Colin Hay zum Beispiel, einst Sänger der Band Men At Work, inzwischen sehr alt und zerzaust, singt dann seinen wunderbaren Song "Overkill" und vor der Bühne steht nicht nur ein begeistertes Publikum, sondern Menschen, die ihm Chorsätze zu seinem eigenen Lied entgegensingen. Oder David Byrne, der David Bowies "Heroes" schmettert, bis Vorsänger und Chor immer euphorischer werden und am Ende fast eine Art Gedenkgottesdienst für Bowie feiern. Eine Mischung aus Gesangsverein, Konzerterlebnis und Messe - in seiner Form ist "Choir! Choir! Choir!" ziemlich einmalig.

© SZ vom 24.10.2018
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