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Popkolumne:Jede tanzt in ihrem Kokon

Neues von Machine Gun Kelly und Roisin Murphy - sowie die Antwort auf die Frage, was passiert, wenn man einem Pop-Klassiker die Widerstandskraft und den Groove nimmt, ihn in Formaldehyd einlegt und Helium in seine Ritzen bläst.

Von Juliane Liebert

Machine Gun Kelly ist ein Rock-Rapper, der viele Tattoos trägt und sich nach einem Mafia-Gangster benannt hat. Spätestens seit XXXTentacion erklärte, Kurt Cobain zu verehren, geht ja das Gerücht, Grunge und Rap hätten in einer wilden Affäre den glamourösen Yung Dirty Bastard eines neuen Musikgenres gezeugt. Beglaubigen müssen das in der Regel ein paar am Computer künstlich verrauschte Klampfakkorde in Moll und trauriges Auto-Tune-Geheule. Dass es bei Grunge eigentlich nicht ums Pathos der Desillusion ging, sondern darum, die dem Wohlstand verfallene alte Tante Rockmusik zu neuem Leben zu erwecken, indem man ihr die Klunker wegnimmt, gerät dabei in Vergessenheit. Geschenkt. Denn Machine Gun Kelly hat sein neues Album "Tickets To My Downfall" (Interscope) von Travis Barker, dem ehemaligen Drummer von Blink 182, produzieren lassen, weshalb es über weite Strecken von einem Blink-182-Album nur schwer zu unterscheiden ist. Grunge-Verdacht im oben genannten Sinn könnte allenfalls aufkommen, wenn in "Forget Me Too" irgendwas so herzzerreißend jault, dass man glaubt, eine depressive Micky Maus wolle sich mit einer Überdosis Helium das Leben nehmen. Es ist dann aber doch nur die Sängerin Halsey. Was hat man ihr angetan? Wir werden es nie erfahren, aber dafür sind diese Woche zwei, nein drei sehr unterschiedliche musikalische Hoffnungsschimmer am Firmanent herumgehuscht.

Lykke Li hat "I Will Survive" von Gloria Gaynor gecovert. "I Will Survive" ist einer jener Songs, die man als Kind auf Klassenfahrten auf dem Walkmen gehört hat (mit Zurückspulen), auf einem Doppelstockbett, während die anderen blöden Kinder "I Swear" von All-4-One mitgröhlten. (Die Autorin dieser Kolumne ist nicht ganz sicher, ob das eine universelle Erinnerung ist, nimmt es aber stark an). Lykke Li hat dem Klassiker die Widerstandskraft und den Groove genommen, ihn in Formaldehyd eingelegt und - ja, schon wieder - Helium in seine Ritzen geblasen. Wo Gaynor selbstbewusst "Go on now go!" in die Welt rief, schwimmt Lykke Li halbtot im Pool und haucht mit letzter Kraft ". . .but now I'm saving all my lovin' for someone who's loving me". Nur dass die Person vermutlich auch tot ist. Was soll man machen? Irgendwer muss ja die Stellung halten.

Auf dem kleinen polnischen Label Antena Krzyku ist schon vor zwei Tagen das Album "Fang" der deutschen Noiserock-Band Unbite erschienen. Und "Fang" hat soviel Kraft und Biss, dass es die fast tote Lykke Li mit Leichtigkeit aus dem Pool fegt. In "Firestarved" treffen Sonic Youth und Riot Grrl Power aufeinander. Es sollte definitiv mehr Noiserock mit weiblichen Frontfrauen geben. Daniela Schübels fast mädchenhafte Stimme hält die Gewalttätigkeit der Musik zusammen, ohne sie abzumildern. Sie beschwört, erzählt, feuert die Instrumente an wie eine Schwarzmagierin im Zentrum des Sturmes. Die Kraft und rohe Leichtigkeit, mit der die Stuttgarter ihre Songs mit Fleiß gegen die Wand fahren, würde Grunge-Produzent Steve Albini sicher Freude bereiten, wenn er sich mal nach Stuttgart verirren würde. Überhören würde er die drei mit Sicherheit nicht.

Und dann gibt es noch Roisin Murphy. Roisin Murphy ist seit mehr als zwanzig Jahren einzigartig im Glitzerpop. Ihre Musik ist gleichermaßen eingängig und versponnen, klang nach Club und doch irgendwie unnahbar, wie im White Cube produziert, um sie auch genau dort zuhören, während interessante schöne Menschen vorbeiflanieren. "Roisin Machine" (Skint Records/Warner) überrascht dagegen mit Disco-Funk. Stilbewusst ist der natürlich trotzdem, aber hier kommt der Stil aus den Beinen, nicht vom Konzept. Gut so. Wenn uns die Seuche auf Abstand hält, muss wenigstens die Musik körperlich sein. Die Diva mag über übers funkige Stampfen "This is the simulation" hauchen, dabei ist es nichts als die Wahrheit. In "Kingdom Of The Ends" bugsieren einen dünne Achtziger-Bässe und Synthies zwar erst einmal in "Blade Runner"-Gefielde und "Something More" stapft ultracool durchs selbe Jahrzehnt, doch auf den nächsten Songs übernimmt wieder der Groove. Zusammen hält's Murphys famose Stimme. Und man versteht: Die Distanz bleibt wichtig. Aber sie ist sexy, nicht arty. Höflich, nicht abweisend. Roisin Murphy tritt niemandem zu nahe. Sie lässt jede in ihrem Kokon tanzen.

Darüber sollte man dann auch schnell wieder vergessen, dass Van Morrison am Freitag den ersten von drei Songs gegen die Corona-Regeln veröffentlicht, "No More Lockdown". Er behauptet darin - im Namen der Meinungsfreiheit natürlich -, dass die Virologen Fakten erfinden und "fascist bullies" an der Macht seien.

© SZ vom 23.09.2020

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