Popkolumne Im Zug nach Wakanda

Jimi Tenor macht Weltpopmusik, Kanye West schlägt wieder zu und der deutsche Rap wird feminin.

Von Jens-Christian Rabe
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Die Musik des finnischen Multi-Instrumentalisten Jimi Tenor, der in den Neunzigerjahren Club-Hits wie "Take Me Baby" oder "Outta Space" hatte, geistert seit jeher auf die denkbar beste Art irgendwo zwischen Lo-fi-Techno, improvisiertem Easy-Listening-Jazz und Avantgarde-Pop herum. Mal mehr hier, mal mehr dort und zwischendurch auch mal wieder ganz woanders. Jetzt hat er zusammen mit dem ghanaischen Perkussionisten Ekow Alabi Savage, der seit fünf Jahren in Tenors Tourband spielt, ein grandioses Album für das Label Philophon des begnadeten deutschen Trommlers und Neo-Afrobeat-Produzenten Max Weissenfeldt aufgenommen: "Order Of Nothingness". In den vergangenen Jahren schien ja ohnehin alles zu gelingen, was Weissenfeldt anfasste. Unwiderstehlich hypnotisch rollende Weltpopmusik für das 21. Jahrhundert. "Order Of Nothingness" ist nun einfach der nächste Geniestreich, auf dem Weissenfeldt als Trommler und am Vibrafon natürlich auch auf einigen Songs selbst mitgespielt hat. Fahrstuhlmusik für eine bessere Welt. Oder wenigstens für die Hochgeschwindigkeitsaufzüge im fiktiven afrikanischen Königreich Wakanda aus "Black Panther", dem ersten Hollywood-Blockbuster mit einem schwarzen Superhelden im Mittelpunkt.

Der Rapper Kanye West, Pop-Genie und notorisch rätselhafter Publicity-Stuntman zugleich, hat soeben das dritte der fünf für den Juni angekündigten Alben veröffentlicht. Nach dem von ihm produzierten neuen Album "Daytona" des Rappers Pusha T, seinem eigenen neuen "Ye", gibt es nun "Kids See Ghosts" (GOOD Music), das West zusammen mit dem Rapper Kid Cudi aufgenommen hat. Die ersten beiden Platten waren dabei schon sehr bemerkenswert, das neue ist verrückterweise womöglich noch ein bisschen besser. R'n'B-Rap, zugleich energisch zudringlich und elegisch distanziert, eklektische Kammermusik für nächtliche Spaziergänge durch die Straßen eines versehrten Planeten, der einem verdammt bekannt vorkommt.

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Nur fürs Protokoll: Auf dem ersten Platz der aktuellen deutschen Single-Charts steht in dieser Woche der Berliner Proll-Rapper mit dem in diesem Genre überraschend queeren Namen Capital Bra. Bra heißt im Proll-Rap-Slang so viel wie Bruder. Eher nicht gemeint ist der exakt gleichlautende englische Begriff für BH. Einerseits. Andererseits lautet der Titel der aktuellen Nummer-eins-Single "One Night Stand". Mit einem Bruder im BH? Ach, alles wird besser. Auch der notorisch frauenverachtende deutsche Proll-Rap, so scheint's, entdeckt endlich seine feminine Seite.

Johnny Marr, einst Songwriter und Gitarrist der Smiths und Genie des supersmarten Achtzigerjahre-Dandy-Dengel-Indie ("How soon is now?"), wurde anlässlich seines am Freitag erscheinenden neuen Solo-Albums "Call The Comet" (Rykodisc/Warner) vom Londoner Guardian gefragt, was denn sein jüngeres Selbst eigentlich davon halten würde, dass er heute nicht nur Nichtraucher und Antialkoholiker, sondern auch noch Veganer und Langstreckenläufer ist. Ganz einfach, so der 54-Jährige, sein jüngeres Selbst fände das alles gut. Abgesehen davon sehe er sich überhaupt nicht als saftlosen Abstinenzler. Im Gegenteil: Sein Lebensstil mache ihn radikaler. Weil: "A middle-aged musician nursing a hangover in his mate's dressing room is a dead duck." Ein alternder Musiker, der einen Hangover im Ankleidezimmer seiner Freundin auskuriert, ist eine tote Ente. Kann man es schöner sagen? Anders als beim ideologisch ewig irrlichternden Smiths-Komplizen Morrissey irritiert bei Marr jetzt nur noch sein wirklich grotesk tiefschwarzes Haar. Passend dazu dengeln die neuen Songs wie "Hi Hello" oder "Walk Into The Sea" allerdings so verweht vor sich hin, als sei einfach für immer alle Zeit 1985.

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Stuart A. Staples, im Hauptberuf Kopf der britischen Indiefolkrockband Tindersticks, hat sein erstes Soloalbum aufgenommen. Es heißt "Arrhythmia" (City Slang) und klingt, als habe Staples seine Herzschlagfrequenz für die Dauer der Aufnahmen einfach kurzerhand halbieren lassen. Das Album strahlt dabei insbesondere auf Songs wie "Step Into The Grey" eine merkwürdig zähflüssige Ruhe aus, die einen ganz kurz vor dem Moment, in dem man glaubt, genervt abschalten zu wollen, doch packt. Oder vielmehr: ganz, ganz, ganz langsam zu sich herunterholt. Was es allerdings zu bedeuten hat, dass man sich dennoch irgendwann wünscht, Staples hätte - wie zuletzt Kurt Wagner von Lambchop - seinen Gesang mit Autotune leicht roboterhaft verflattert, darüber kann hier jetzt leider auf keinen Fall noch schnell etwas geschrieben werden. Unmöööööglich.