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Popkolumne:Hoffnungen

Die Popereignisse der Woche mit Justin Bieber, dem Gitarrist und Keyboarder von "Tocotronic" sowie dem neuen Album von Balbina. Außerdem die Antwort auf die Frage, warum sich Tupac-Fans Hoffnung auf Actionfiguren ihres Helden machen können.

Von Juliane Liebert

Hasbro, die Spielzeugfirma, die unter anderem "My Little Pony"-Pferdchen herstellt, besitzt jetzt Death Row Records, das legendäre Label, auf dem Tupac und Biggie veröffentlichten. Es wurde 1991 von Dr. Dre und Suge Knight gegründet. Suge Knight wiederum sitzt derzeit eine fast 30-jährige Haftstrafe wegen Totschlags im Affekt ab. Was eine Spielzeugfirma mit dem Label will? Nun, genau genommen hat Hasbro Entertainment One gekauft, die neben Death Row Records auch die Rechte an Peppa Pig besitzen. Tupac und Biggie waren sozusagen Beilagen zu Peppa Pig. Fans schwanken zwischen der Sorge, dass wir in einem sehr seltsamen Paralleluniversum gelandet sind und der Hoffnung auf Tupac-Actionfiguren. Vielleicht hat Hasbro aber auch einfach verstanden, dass betont niedliches Kinderspielzeug zu den gruseligsten Gegenständen überhaupt zählt. Weshalb mordende Gangsterrapper perfekt ins Programm passen.

Hoffnungen hat auch Balbina. Am Ende des Auftaktsong zu ihrem neuen Album "Punkt." (Geschrieben mit Punkt, nicht ohne.) trompetet sie exaltiert: "HOFFNUNG! UND LIEBE!" Hoffnungen können jedem passieren, sie gehen Gott sei Dank meist schnell wieder weg. Hier bereits im zweitem Song, "Weit Weg." featuring Ebow. In dem fragt Balbina sich, wo sie Fehler macht. Um die Ecke, in der Welt der vergessenen Dinge mutmaßlich. Arme Balbina. Aber abgefahrenes Timbre hat sie schon. Im dritten Song packt sie die Wanderlust, was zeigt, dass Balbina weiß, was die deutsche Seele bewegt. Sie spricht das Wort allerdings "Wandäärluuuust" aus, mit einem Akzent, der an "zu Asche, zu Staub" aus "Babylon Berlin" erinnert. Balbinas Texte nähern sich auf dem neuen Album stellenweise dem Emopop an, der hierzulande die Charts zumüllt. Dabei konnte sie doch mal das Absurde? Da waren die skurril verkopften Texte ihr Alleinstellungsmerkmal und ergaben kombiniert mit mainstreamkompatiblen German Gefühligkeitssound ziemlich erhellende Kontraste. Schade. Sie droht im Song "Augenblick" jedenfalls, für immer zu bleiben. Er ist gerahmt von bizarrer Kirmesmusik mit rhythmischem Gefurze. Das ist ziemlich lustig. Außerdem hat sie Rammstein gecovert. Und zwar "Sonne.". Auch mit Punkt.

The Big Moon, nicht zu verwechseln mit Soft Moon, veröffentlichen am Freitag "Walking Like We Do". Man hört, dass sie eine Menge Spaß hatten - manchmal lassen sie sich zu sehr vom eigenen Vergnügen hinreißen, dann gerät das Album etwas überladen, außerdem muss man Gitarren UND Bläser mögen. Wenn man das tut, ist ihr Indie ein Licht in düsteren Zeiten. Als ob Freunde leicht angeheitert im Wohnzimmer musizieren, und am Ende hat's wer professionell produziert.

Justin Bieber hat "Justin Bieber: Seasons" angekündigt, ein zehnteiliges (!) "Documentary Event", Premiere ist bald auf Youtube. Bieber benimmt sich ja seit seiner Hochzeit mehr oder weniger, dafür ist der Rapper DaBaby in Miami beinahe festgenommen worden. Angeblich hatte er sich mit einen Konzertpromoter getroffen, der ihm 20 000 Dollar für ein ausstehendes Konzert geben sollte. DaBaby fand aber, er solle 30000 Dollar bekommen, nahm dem Promoter Kreditkarte, 80 Dollar und sein iPhone ab und überschüttete ihn mit Apfelsaft.

Apfelsaft! Früher hat man sich noch mit Gin Tonics beworfen. Das Cover von "Thoughtsicles" von Mint Mind stürzt einen unterdessen in die Angst, man wäre bei irgendwas Verbotenem erwischt worden. Es ist Pink mit einer von der Seite reinlugenden Statue mit giftgrünen Augen. Gabriel García Márquez hat einmal gesagt, dass jeder drei Leben besitzt: ein öffentlichen Leben, ein privates Leben und ein geheimes Leben. Die Lady hier sieht sie alle drei, und sie ist nicht gnädig in ihrem Urteil. Hinter Mint Mind steht Rick McPhail, Gitarrist und Keyboarder von Tocotronic. Das Album ist sowohl in Sound als auch Lyrics sehr direkt. In "Brother, You're Not My Brother" geht es um Bekanntschaften, die so tun, als seien sie sofort die besten Kumpel und einem auf die Nerven gehen. Mit diesem Song kann man solche Leute auf jeden Fall vertreiben!

In einem CBS- Interview erklärte der Sänger und Gitarrist David Byrne, warum er 2012 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft annahm: weil er in einer Wahlkabine erwischt wurde, als er ohne Staatsbürgerschaft wählen wollte. "Ich war fest davon überzeugt, dass Inhaber einer Green Card bei Wahlen abstimmen können, solange es nicht um die Präsidentschaftswahl geht", erklärte er. "Und ich habe es geschafft! Ich habe viele Jahre lang so gewählt. Sie hatten Recht: Es gibt eine Menge Wahlbetrug!"

© SZ vom 08.01.2020
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