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Popkolumne:Exorzismus der Woche

Diesmal mit neuer Musik von Kitschkrieg, Washed Out und Zugezogen Maskulin - sowie der Antwort auf die Frage, was der Spotify-Chef von Musikern hält.

Von Quentin Lichtblau

Daniel Ek ist beleidigt. Weil viele Pop-Künstler sich weiterhin über zu niedrige Ausschüttungen in der von ihm geschaffenen neuen Musikstreamingwelt namens Spotify beschweren. Wer sich im Streaming-Zeitalter nicht zurechtfände, so Ek im Interview mit der Plattform Musically, solle sich lieber an die eigene Nase fassen: "Ich habe echt das Gefühl, dass diejenigen, die sich beim Streaming nicht so gut machen, hauptsächlich Leute sind, die ihre Musik weiterhin so veröffentlichen wollen, wie sie immer veröffentlicht wurde." Man könne es sich als Künstler einfach nicht mehr erlauben, nur alle paar Jahre Musik per Album auf den Markt zu bringen und zu hoffen, dass man damit ausgesorgt hätte. In der heutigen Zeit sollten Musiker lieber konstant veröffentlichen, um nicht den Anschluss zu verlieren. Dass gerade ein solch stetiger Output perfekt zu seinem eigenen Geschäftsmodell passt, hat damit sicherlich überhaupt nichts zu tun.

Demnach sehr viel falsch gemacht hat Billie Eilish, der größte neue Popstar des Jahres 2019. Von ihr hat man im Jahr 2020 nämlich bisher rein gar nichts Neues gehört, von der coronabedingten Absage ihrer Welttour abgesehen. Nun gibt es eine neue Single namens "My Future". Und die ist unerwartet fröhlich, was angesichts Eilishs bisher eher düsterem Schaffen und der allgemeinen Weltlage 2020 ziemlich überrascht. Eilish singt darüber, gerade niemanden in ihrem Leben zu brauchen, weil sie sich viel zu sehr auf die schöne Zukunft im Allgemeinen und mit sich selbst freut. Eine Single-Hymne, leicht anachronistisch, aber vielleicht gerade deswegen gut.

Kitschkrieg sind eines der wenigen deutschen Produzenten-Teams, die nicht nur klein in Album-Credits auftauchen, sondern auch selbst seit Jahren als dreifaltiges Gesamtkunstwerk auftreten. Sowohl die Schwarz-Weiß-Optik ihrer Videos als auch ihre Soundästhetik hatten in den vergangenen Jahren maximalen Wiedererkennungswert und Künstlerinnen wie Haiyti oder Trettmann Hitalben beschert. Ein eigenes Album fehlte bisher, aber nun ist es da und heißt schlicht "Kitschkrieg" (SoulForce Records). Mehrere Generationen sind darauf vertreten: Max Herre trifft auf Skinnyblackboy ("Sonora"), Kool Savas auf den fast 20 Jahre jüngeren Rin ("Oh Junge", ein Hit), oder Trettmann auf Peter Fox, deren wabernde Nummer "Lambo Lambo" ziemlich genau die Essenz von Kitschkrieg wiederspiegelt. Die wiederum hat sich langsam vielleicht ein ganz klein wenig abgenutzt. Ein Track mit den Bass-Jüngern von Modeselektor und Crack Ignatz, der über eine angezerrte Synthie-Spur bloß sagt "Nein du liebst mich nicht", zeigt dann allerdings, wo es hingehen könnte mit dem Kitschkrieg-Sound: ins Repititive, ins Gröbere und damit in den Techno-Club?

Washed Out aus Atlanta war in den späten Nullerjahren einer der Protagonisten eines der ersten Genres, das sich aus den Weiten des Internet speiste: Chillwave oder Dream Pop, mit einer staubigen Kassetten-Klangästhetik die perfekte Hintergrundmusik für Kerzenschein-Sommerabende, festgehalten mit einer alten Polaroidkamera. Deren Bildsprache fand sich wiederum in den Anfängen von Instagram wieder, als man dort noch wackelige, farblich bewusst übersättigte Bilder ebenjener Abende hochlud, die ein bisschen nach Familienurlaub 1992 aussahen. Heute wird auf Instagram jede Pore gebügelt und durchgefiltert. Und auch die Musik von Ernest Greene, so Washed Outs bürgerlicher Name, ist mit den Jahren glatter geworden. Das Bandrauschen ist weg, die Synthesizer klingen oft nicht mehr sanft bekifft, sondern eher nach Chemie ("Too late"). Ab und zu finden sich auf "Purple Noon" (Sub Pop) zwar noch die schönen Lo-Fi-Momente, werden aber dann im Laufe der Songs doch noch vom großen Hochglanz-Kompressor überrollt ("Face Up"). Man kann Greene zwar nicht vorwerfen, dass er sich produktionstechnisch weitergebildet hat - wenn das Ergebnis dann klingt wie der Soundtrack eines Imagefilms für ein Spahotel auf Mykonos, ist das nur schon auch schade.

Mit dem Wabern eines ausgeleierten Walkmans beginnt dagegen "Zehn Jahre Abfuck" (Four Music) von Zugezogen Maskulin. Moritz Wilken alias Grim104 und Hendrik Bolz alias Testo rappen sich darauf wieder ihren Frust über alles und jeden von der Seele. Besonders natürlich über Nazis, Spießer und Craft-Beer-Liebhaber aller Art, die den Kiez kaputtsanieren. Neue Gegner sind männliche Pseudo-Feministen, die sich von ihrem Engagement letztlich doch nur Sex erhoffen, Influencer, die Liebe zu ihren Fans nur vorgaukeln und rülpsende Jahrmarkt-Gäste. Der Pop-Exorzismus der Woche.

© SZ vom 05.08.2020

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