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Popkolumne:Drogen, Drogen, Drogen - und Liebe!

Diesmal mit neuer Musik von "Pearl Jam", dem Londoner Duo "Sorry" und "Little Dragon" - sowie der Antwort auf die Frage, was im makabersten Pop-Clip passiert, der gerade im Netz zu sehen ist.

Von Annett Scheffel

Jede Zeit hat ihr Medium. Das Medium der Krise ist der Live-Stream. So viele livestreamende Musiker wie in den vergangenen Tagen hat es wahrscheinlich noch nie gegeben. Einschneidend sind diese improvisierten Heim-Konzerte für den Zuschauer vor allem aus einem Grund: Sie wirken oft erschreckend dilettantisch, um nicht zu sagen: normalsterblich. Die Bildqualität ist schlecht, die Künstler fummeln ungeschickt an ihren smarten Geräten herum, sagen ständig "ähem" und ihre Zimmer sind unordentlich und gar nicht so selten nicht allzu geschmackvoll eingerichtet. Ein paar Beispiele: Diplo spielt unter weihnachtlichen Lichterketten wilde Culture-Clash-Sets. Neil Young tritt als Gitarrenmann aus einer rustikal analogen Welt auf: Gummistiefel, Flanellhemd, Feuerstelle am See. Und James Blake schlürft zwischen den Songs verlegen an einer Teetasse. Immerhin hat sein Haus wirklich schöne Deckenbalken und die Tasse die selbstironische Aufschrift "Wifey" - Ehefrauchen. Vielleicht wird 2020 ja das Jahr der großen Entzauberung der Stars. Die Musik funktioniert - egal ob zarter Falsettgesang oder bollerndes DJ-Set - zum Glück auch auf diesen schlecht ausgeleuchteten Bühnen.

Anderenorts im Netz ist die Quarantäne-Kunst bereits weiter herangereift: "Coronavirus", der erste Single-Hit der aktuellen Krise, ist ein Dance-Remix mit laut pumpenden Hip-Hop-Beats und einer herrlich simplen Textzeile, die die diffuse Panik dieser Tage auf eine Weise verdichtet, die Luft für ein letztes bisschen Lässigkeit lässt: "Coronavirus! Coronavirus! / Shit is getting real!" Im Original stammt diese von New Yorker DJ iMarkkeyz gesampelte und Club-tauglich geremixte Internet-Weisheit aus einem Instagram-Video von Cardi B, in dem die Rapperin in ihrem typischen Dada-Slang und mit beeindruckend langen Kunstfingernägeln über ihre Angst vor dem Virus spricht. Wie ansteckend dieser Track ist (in den amerikanischen iTunes-Charts zwischenzeitlich auf Platz 8), ist dabei so beruhigend wie bedenklich: Einerseits tut es gut, zu wissen, dass in Zeiten der Pandemie die uns vertrauten viralen Mechanismen im Netz weiter funktionieren. Andererseits tauchte auch ein Handyclip auf, der schlimmer anzusehen ist als ein Verkehrsunfall: Ein vollbesetzter Club in Rio de Janeiro tanzt zu "Coronavirus". Ähem.

"Gigaton" (Universal) hält, was man sich vom elften Album von Pearl Jam versprochen hat: immer noch Unmut über den Zustand der Welt, immer noch Rock, oder das, was davon 30 Jahre nach Grunge noch übrig ist. Auf dem anachronistischen Terrain haben sich Pearl Jam eine eigene Nische erfunden: Sie probieren darin hier und da etwas Neues, aber auch nicht zu viel, sie sind politisch durchaus explizit, aber nie richtig zornig. Und Eddie Vedder singt über die Schieflage der Welt (Klima! Hass! Ausbeutung!), was wir alle ahnen: "It's going to take much more than ordinary love / To lift this up" - nur mit ein bisschen Liebe wird man das Ruder nicht rumreißen.

Unbedingt empfehlen muss man in dieser Woche eine andere Platte: Dem Londoner Duo Sorry gelingt auf ihrem Debütalbum "925" (Domino) Erstaunliches: Die Songs bedienen sich zwar aus der Vergangenheit - es gibt Grunge-Riffs, Trip-Hop-Rhythmen, Glam und Indierock -, haben aber trotzdem eine rätselhaft originelle und irgendwie dystopische Textur. Die ergibt sich aus dem Aufeinandertreffen von eingängigen Melodien und nihilistischer Grundstimmung. "I want drugs and drugs and drugs and drugs, I want love", geht der Refrain von "More": Drogen, Drogen, Drogen und Liebe. Noch besser sind aber die vielen unerwarteten Momente: etwa das schlenkernde Saxofon am Anfang von "Right Round The Clock", das später mit einem Tears-For-Tears-Zitat endet, oder der Würgelaut, ein saftiges "ueeerrghhh", das als rhythmische Interpunktion den Refrain von "Starstruck" einleitet.

Neues gibt's auch von Little Dragon. "New Me, Same Us" (Ninja Tune) heißt das sechste Studioalbum des schwedischen Bandprojekts um Sängerin Yukimi Nagano. An die Klasse der Platte, die sie 2011 berühmt machte, "Ritual Union", kommen die neuen Songs allerdings leider wieder nicht heran. Damals hing ihr geschmeidiger Synthie-R'n'B-Pop noch in der aufregenden Schwebe zwischen Selbsterfindung und Mainstreamkompatibilität. Auf "New Me" machen sie immer noch alles richtig - aber eben doch auch etwas zu sehr. Oft klingt alles so, als wäre die Band spätnachts zu pluckernden House-Beats mit der Janet Jackson der neunziger in den Whirlpool gestiegen. Andererseits ist für diese Art von Eskapismus gerade ja auch irgendwie die Zeit.

© SZ vom 25.03.2020
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