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Popkolumne:Diese Traurigkeit

Neue Musik von den Flaming Lips, Delta Spirit, Bumper und Kevin Morby - sowie die Antwort auf die Frage, was die anrührendste Ballade ist seit Britney Spears' "Everytime".

Von Ann-Kathrin Mittelstrass

Was im Inneren des grauen Wuschelkopfs von Wayne Coyne so vor sich geht, will man vielleicht gar nicht so genau wissen. Hier nimmt der verspulte Psychedelic-Pop seiner Flaming Lips schließlich seinen Anfang. Vorweg: Coyne nimmt angeblich keine (richtigen) Drogen (mehr). Und es geht auf dem neuen Album "American Head" (Bella Union) auch gar nicht nur um Drogen. Es geht auch um Dinosaurier! Und darum, wie schön es wäre, wenn sie immer noch auf der Erde herumtollen würden. Und um Raumschiffe! Die eigentlich Glühwürmchen sind, aber auf Acid sehen sie aus wie kleine Raumschiffe. . . okay, es geht doch sehr viel um Drogen. Wobei die in Songs wie "Mother I've Taken LSD" als eher traurige Angelegenheit beschrieben werden ("Now I see the sadness in the world"). Den ein oder anderen Gag - muhende Kühe! - gibt's zwar und dann taucht öfter dieser irritierende Beat auf, der nach einem Morsecode klingt, aber ansonsten ist es ein über weite Strecken gar nicht schräges, sondern wunderschönes Album geworden, fein arrangiert mit Klavier, Streichern, Trompete und zwischendurch der Stimme von Country-Sängerin Kacey Musgraves (hach!). Anders gesagt: Die Flaming Lips sind nach fast 40 Jahren Bandgeschiche in bester Form.

Die Haiku Hands aus Australien gelten als Stimmungsgarant für jedes Festival. Schlechtes Timing, dass ihr selbstbetiteltes Debüt (Mad Decent/Caroline) jetzt inmitten der festivalfreien Pandemie erscheint. Ihre von Bass und Beat getriebene Mischung aus Hip-Hop, Elektro und Pop muss live erlebt werden! Nicht nur, weil die drei Frauen auf der Bühne Choreografien wie die Spice Girls und Energie wie die Beastie Boys haben, sondern weil ihr Gesang aus Slogan-Feuerwerken besteht ("Not About You"), bei denen man sofort mitschreien möchte. Und mitfluchen! Geflucht wird ordentlich. Deshalb fällt auch nicht auf, dass das Singen nicht die Stärke der Haiku Hands ist. Aber der ironische Knaller "Fashion Model Art" reißt es dann doch wieder raus.

Delta Spirit haben Ende der Nullerjahre mit Americana-Musik geglänzt. Eine Band aus Kalifornien, die auch schon mal das Drama von Überlingen - dem Flugzeugabsturz über dem Bodensee und der Rache am Fluglotsen - in Dylan-Manier in einen Song gepackt hat ("Ballad Of Vitaly"). Dann haben sie die Mundharmonika und den Roots-Rock immer mehr abgelegt und ihren Sound mit Synthesizern aufgeblasen. Nach sechs Jahren Pause finden sie auf ihrem neuen Album "What Is There" (New West Records) jetzt einen Kompromiss. Der Sound verliert sich nicht mehr in bombastischem Hall, sondern klingt griffig und nach Rock'n'Roll. Nur manchmal wird zu viel gegniedelt mit den Gitarren - und sich am Falsettgesang vergangen.

Dicke Karren machen sich nicht nur gut in Gangsta-Rap-Videos. Das kann man beim Folk-Rocker Kevin Morby sehen. Der hat gerade für Oktober sein neues Album mit der Single "Campfire" angekündigt. Die Hauptrollen im Video spielen er, seine Freundin Katie Crutchfield alias Waxahatchee und ein alter, blauer Ford Pick-up. Damit fahren sie durch die öde Prärien von Kansas und machen in der Abenddämmerung Halt, um vor den erleuchteten Scheinwerfern des Wagens herumzutollen, wie das nur Verliebte können. Beim Anblick der beiden vor dem alten Spritfresser, der die Szene, wie's scheint, mit gutmütigen Augen beobachtet, wird einem ganz warm ums Herz. Übrigens: Waxahatchee posiert auf dem Cover ihres im Frühjahr erschienen tollen Albums auch auf einem solchen Ford - aber einem gelben. Partnerlook bis hin zum Auto bei diesem neuen Traumpaar des amerikanischen Folk. Ach ja, der Song ist übrigens großartig!

Ein weiteres von wahrscheinlich vielen Quarantäne-Projekten, die wir noch hören werden: Michelle Zauner von der wunderbaren Band Japanese Breakfast hat sich mit Ryan Galloway von der Indie-Rock-Band Crying zusammengetan und eine gemeinsame EP unter dem Namen Bumper veröffentlicht. Obwohl die beiden in New York nur drei Blocks voneinander entfernt wohnen, sind die vier Songs komplett über E-Mail entstanden. Auf der EP steht "Pop Songs 2020" und genau drin ist: verspielter Pop mit glitzernden, zuckrigen Melodien, der wie aus den späten Achtzigern ins Jetzt herübergeflogen klingt und auch als Soundtrack für einen Anime-Film durchgehen könnte. "Ballad 0" ist die rührendste Klavierballade seit Britney Spears' "Everytime", nur hier in der Indie-Version.

© SZ vom 09.09.2020

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