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Popkolumne:Die Macht der Eingebung

Die "Antilopen-Gang" steht vor der schwierigen Aufgabe, mit ihrem neuen Album an den Hit "Beate Zschäpe hört U2" anzuknüpfen und die Songwriterin Tara Nome Doyle klingt, als singe sie einer Eingebung folgend.

Seit ihrem Hit "Beate Zschäpe hört U2" gehört die Antilopen Gang zu den Großen im deutschen Pop. Aber so ein Hit kann auch ein Fluch sein. Noch dazu, wenn er so zielsicher und humorvoll ein politisches Gefühl zu Fassen bekam, nämlich das Angeekeltsein vom Rechtsruck in Deutschland parallel zu den Verhandlungstagen im NSU-Prozess. Kriegt man so etwas noch einmal hin? Das dritte Album heißt nun also "Abbruch, Abbruch" (JKP). Allgemein scheint es Koljah, Panik Panzer und Danger Dan um Ablehnung und Verneinung zu gehen. Der Song "Wünsch dir nix" ist ein verneintes Die-Toten-Hosen-Zitat: "Es kommt nie die Zeit, in der das Wünschen wieder hilft". Campino wird darüber nicht böse sein, die Antilopen Gang veröffentlicht ihre Musik ja auf dem Label der Toten Hosen. Ein neues "Beate Zschäpe hört U2" hört man nicht heraus. Aber lustig ist die Kiffer-Beschimpfung "Lied gegen Kiffer". Kiffen gehört im Rap ja eigentlich dazu, aber Antilopen Gang mögen es nun nicht mehr, weil es "müde und verfressen macht, und depressiv auch". Und: "Wer dauernd kifft, wird zwangsläufig Neurechter." Da ist sie wieder, die politische Positionierung mit Humor.

Die Pop-Debütantin der Woche heißt Tara Nome Doyle und kommt aus Berlin-Kreuzberg. Auf ihrem ersten Album "Alchemy" (Martin Hossbach) kostet die 22-jährige Songwriterin ihre Stimme auf eine Weise aus, wie man schon lange keine Sängerin mehr ihre Stimme hat auskosten hören. Der Produzent David Specht, sonst Bassist der Band Isolation Berlin, hat die Gitarren, Klaviere, Besen-Percussionen und Hall-Effekte ins absolut richtige Verhältnis gemischt. Und doch hört man auf diesem Album eben zuvorderst diese suchende Stimme, die oft erst aus dem Moment heraus zu entscheiden scheint, mit welchem Ton es weitergeht. Improvisation ist nicht der richtige Ausdruck. Eingebung? Eher. Nicht alle Melodien prägen sich ein. Aber "Neon Woods" und "Heathens" sind Ohrwürmer. In letzterem Stück thematisiert Tara Nome Doyle "die Leere und Verwirrung, die verlorener Glaube nach sich bringen kann". Spiritualismus aus der Generation der digital Aufgewachsenen - wer hätte das gedacht?

Auf Vinyl erscheint diese Woche das neue, bereits beklatschte Album "The Archer" (30th Century Records) von Alexandra Saviour. Die 24-jährige Sängerin aus Portland, Oregon wurde schon als Teenagerin hoch gehandelt, als sie nämlich 2012 ihre Coverversion des Angus-Stone-Songs "Big Jet Plane" auf Youtube lud und Courtney Love befand: "Die wird mal groß rauskommen!" Tut sie nun auch, mit Musik, die ein "feministisches Angst-Horrorfilm-Gefühl" vermitteln soll. Beispiel: In der Klavierballade "Soft Currents" singt Saviour davon, dass sie das Glück immer nur an den falschen Orten finde. Danach geht es mit staubigem Sixties-Wüstenrock weiter und einer Strophe, in der die Sängerin auf eine Löwin wartet, die sich dann gleich ein Festmahl an ihr reißen wird ("Saving Grace"). In "Can't Help Myself" kippt Saviour für die Länge dieses Songs in eine komische Lana-Del-Rey-Mimikry, sowohl stimmlich als auch mit der Textzeile "Sweet lips like pink lemonade". Da schreckt man kurz auf: Huch, bin ich im Stream verrutscht? Nö, alles gut. "The Archer" ist Konsensmusik, die aber gar nicht zu sehr nach Konsens klingt, und das macht sie angenehm. Um Google zu zitieren: "Dieses Album gefiel 100% der Nutzer".

Und wie läuft es mit der elektronischen Soundforschung für die Clubs? Da wird gebolzt. "Scanning Backwards" (Ostgut Ton) heißt das klanggewaltige Album, auf dem der in Berlin lebende, aus New York stammende Produzent Hayden Payne alias Phase Fatale jene Frequenzen feiert, die "den Körper so richtig penetrieren", wie er schreibt. Da wären: "Sägezahn- und Schlagbohrhammer"-Sounds. Oben, im Ohr, zermalmen sie die Trommelfelle, unten, an den Füßen, zersplittern sie beim Tanz die Fersenbeine. So heißt einer der Tracks: "Splintered Heels". Reifere Semester mögen sich an die "Electronic Body Music" belgischer Machart aus den Achtzigerjahren erinnern, wobei man genauso sagen könnte: Mit ihrem bedächtigen Tempo, das die Brutalität des Dräuens, Zischens und Schepperns erst so richtig zur Geltung bringt, klingen die Tracks, als könnten sie den Werbespot für einen hochentwickelten neuen E-Sportwagen untermalen (so richtig mit nächtlichem Zeitlupen-Rasen durch neonbeleuchtete Hochhausschluchten...). Kurz gesagt: Auf der Suche nach dem speziellen Körperkick geht diese Musik schon ziemlich weit.

© SZ vom 22.01.2020
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