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Popkolumne:Die Angst des Geldes

Diesmal mit neuer Musik von Jens Friebe, Young Lean, Molly Nilsson und David Lynch - und der Antwort auf die Frage, wer den Preis für den Pop-Kalauer der Woche gewonnen hat.

Von Jan Kedves

Ein wirklich gelungener Kalauer im Titel ist eine Kunst. Und so geht der erste Punkt an "Fuck Penetration" (Staatsakt), das neue Album von Jens Friebe. Der ist bekannt dafür, die britische Pop-Spezialität des dandyhaften Kokettierens mit Verletzlichkeit und Glam so in die deutsche Sprache zu übertragen, dass es nicht peinlich wird. Wobei Friebe auf seinem neuen Album auch erstaunlich viel Englisch singt. Fliegende Wechsel zwischen den Sprachen und Idiomen, ganz unangestrengt und einleuchtend. Zur Eröffnung geht es gleich mit exaltierter Geste und ganz großem Piano-Drama um die Angst des Geldes vor der Wertlosigkeit und die Flucht in greifbare Werte wie Immobilien oder Kunst ("Worthless"). Morbide mehrdeutig wird es zwischen Dub und Jazz in "Argonaut", wo Friebe mantraartig singt: "Take me out" - was ja bedeuten kann: Führ mich aus, oder: Leg mich um. Am allerschönsten ist aber, wie er in "Call Me Queer" die Männer auf die Schippe nimmt, die sich mit ein bisschen Gender-Theorie unter die "schrägen Vögel" mischen, wo sie in den Diskussionen um Bisexualität und Transidentität dann aber doch wie gehabt als Alphatiere das letzte Wort haben wollen. Der Song klingt wie Berliner Diskurs-Kabarett aus den Zwanzigern, mit ordentlich Tschaka-Tschaka und dem herrlichen Refrain: "Ich schau Fußball und trink Bier / Ich schlaf nur mit Frauen - call me queer!" Ob das auch ein kleines bisschen Selbstkritik ist, bleibt klugerweise natürlich offen.

Eine andere Form der nicht ganz so geradeaus performten Männlichkeit verkörpert Jonatan Leandoer Håstad alias Yung Lean. Der ist erst 22, aber schon ein Elder Statesman in jenem populären Rap-Genre, in dem sich "sad boys" mit allen möglichen Narkotika und Antidepressiva so zunebeln, bis ihre Trap-Beats völlig verschlurft klingen - wozu dann auch die autoaggressiven Auto-Tune-Lyrics und molligen Emo-Soundwolken gut passen. Der gefeierte Wiener Rapper Yung Hurn hat sich von dieser Ästhetik eine ganz dicke Scheibe abgeschnitten. "Poison Ivy" (Year0001) heißt das neue Mixtape von Yung Lean. Im ersten Track "Happy Feet" imaginiert sich der in den USA lebende schwedische Rapper als wandelnder Toter. In "French Hotel" geht es darum, dass er von den Pillen und den Drinks ja eigentlich runter ist - und trotzdem findet er sein Ende in der Badewanne eines französischen Hotels. Ausgestellte Kaputtheit ist das eine, sie kann sehr unterhaltsam sein, und manchmal durchaus tröstend. Aber bitte nicht auch noch Yung Lean! Mit Lil' Peep und Mac Miller sind in der jüngeren Vergangenheit schon zu viele junge Rap-Talente an den Drogen zugrunde gegangen.

Das neue Album "Twenty Twenty" (Night School Records) von Molly Nilsson nahm seinen Anfang, als die in Berlin lebende Songwriterin, Produzentin und Sängerin aufgrund eines abgesagten Flugs auf Tour eine Nacht am Flughafen von Tokio strandete. In dieser superkonsumistischen Neon-Umgebung brannte sich ihr im Halbschlaf ein Werbeplakat für die Olympischen Sommerspiele 2020 ein. Wie wird die Welt in vier Jahren aussehen? Um diese Frage scheint nicht nur das Eröffnungsstück "Every Night Is New" zu kreisen. Darin singt die 33-Jährige über eine "late capitalist night" in "pre-apocalypse times". Die Synthesizer leiern ein wenig, weswegen man an John Maus denken könnte, aber die Melodien und Refrains sind weniger dystopisch, klingen eher hymnisch-erbaulich. Im Intermezzo "My Mental Motorcycle" interpretiert sie Dudel-Muzak, wie sie an Flughäfen aus den Lautsprechern dringt, zu etwas sehr Schönem um. Sie ist Schwedin - so wie Yung Lean, und so wie Neneh Cherry und Robyn, die auch gerade sehr gute Alben veröffentlicht haben. Wozu noch passt, dass auch ein neues Album von David Lynch erscheint. Und zwar mit Musik, die der Regisseur 1992 und 1993 (also nach "Twin Peaks") mit Angelo Badalamenti aufgenommen hat. Die beiden bezeichnen "Thought Gang" (Sacred Bones) als "esoterisches Jazz-Projekt", und bei "Woodcutters From Fiery Ships" klingt das dann so: rasende Zischel-Hi-Hats und nervenzersägende Cello-Drones, zu denen Lynch durch ein kaputtes Mikro etwas von sehr schnell weglaufenden Ameisen erzählt. Wie bei seinen späteren Filmen fragt man sich auch hier, wann es endlich vorbei ist. Aber auszuschalten, das schafft man dann auch nicht.

© SZ vom 31.10.2018
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