bedeckt München
vgwortpixel

Popkolumne:Der letzte Sonderling

Diesmal mit neuer Musik von Rosalía, Bonnie "Prince" Billy, und DJ Shadow, sowie der Antwort auf die Frage, wieso Rap-Superstar Drake beim "Camp Flog Gnaw"-Festival in Kalifornien von der Bühne gebuht wurde.

Man hat es so oft gesehen. Und trotzdem schaut man mit diesem kribbeligen Gefühl von Zeitzeugenschaft auf neue, wegweisende Musikerinnen und Musiker. Wie im Fall von Rosalía, die seit 2018 fast im Alleingang den spanischsprachigen Pop Gegenwart zwischen Flamenco, R'n'B und Elektro neu definiert hat. Und ständig gibt es eine neue Single, die noch hybridhafter und cleverer ist als die davor. Das Video zu "A Palé" (Columbia) ist das zeitgenössischste Stück Popkultur der Woche: In einer dystopisch beleuchteten Lagerhalle tanzt Rosalía mit einer akkurat gestriegelten, auf Frida Kahlo anspielenden Monobraue zwischen Förderbändern und Containern. Spektakulär ist die Inszenierung vor allem wegen ihrer Gleichzeitigkeit: Rosalía erzählt uns von der Extravaganz der Popmusik und von der Rolle der Logistik für den globalisierten Kapitalismus.

Auf der anderen Seite der Popwelt steht Will Oldham: Die Songs des Songwriters, besser bekannt als Bonnie "Prince" Billy, haben nie geklungen, als habe er es darauf abgesehen, möglichst viele - und schon gar nicht besonders junge - Leute zu erreichen. Seit 25 Jahren ist er der ewige Eigenbrötler des amerikanische Indie-Country der letzte wirkliche Weirdo unter den Protagonisten des New Weird America. Nach acht Jahren und mehreren Cover-Alben (auf denen er sich dem Gitarrenduo Everly Brothers, Country-Legende Merle Haggard oder der britischen Post-Punk-Band Mekons annäherte) erscheint mit "I Made A Place" (Domino) nun endlich einmal wieder eine Platte mit neuen eigenen Songs. Oldham besingt, mal begleitet von Banjos und heiteren Fideln, mal von Weltschmerz-schweren Steelgitarren, seine Entfremdung vom modernen Alltag. In gewissem Sinne ist also alles wie immer: Die Bariton-Stimme säuselt traurige Melodien und erzählt von Altwerden und Alleinsein. Das ist alles sehr beschaulich. So ganz funktioniert der alte Prince-Billy-Trick aber nicht mehr, mit dem er einst den Country als romantisches Refugium wiederentdeckte in einer unbehaglichen, existenziell aufgewühlten Welt.

Um dieser Welt etwas entgegenzusetzen, eignet sich das neue Doppel-Album von DJ Shadow vielleicht besser: Der amerikanische Hip-Hop-Produzent Joshua Paul Davis, der in den Neunzigern mit seinem Debütalbum instrumentelle Beat- und Sample-Musik zur Kunstform erhob, wühlt sich auf "Our Pathetic Age" (Mass Appeal) durch die Trostlosigkeit im Angesicht von Klimawandel und sozialer Ungerechtigkeit, und zwar zunächst einmal mit seiner Spezialität: ausgefuchsten Instrumentals. Auf der zweiten Albumhälfte gibt's dann allerlei Gastsänger und Rapper, von Nas und Ghostface Killah, über Pusha T bis zu Paul Banks (Interpol). Näher heran an die blank liegenden Nerven unseres digitalen Zeitalters kommen dabei die Instrumentals: mit ihren meisterlich aufgetürmten, stotternden Breakbeats und zerstückelten Vocal-Samples, mit gespenstischen John-Carpenter-Synthies, zischenden Sequenzern und Future-Jazz-Ausflügen. Alles ist unaufhörlich in Bewegung und doch fest verwurzelt in DJ Shadows elektronischen Echoräumen.

Empfehlenswert ist auch das Box-Set "WXAXRXP Sessions", das Warp Records zu seinem 30. Geburtstag herausgibt. Auf zehn Platten kann dem Londoner Avantgarde-Pop-Label in die Ecken und Winkel seines Archivs folgen. Von Aphex Twin gibt es den Mitschnitt einer John-Peel-Radiosession mit Originalmaterialien von 1995. Bibio bearbeitet seine Electronica-Platte "Ambivalence Avenue" akustisch, was den Minimalismus der Songs in noch zarterem, fast durchscheinendem Licht zeigt. Und Flying Lotus spielte "Cosmogramma" in einer Live-Session mit Band - und Thundercat am Bass.

Die lustigste Meldung der Woche kam vom kalifornischen Festival Camp Flog Gnaw. Dort wurde Rap-Superstar Drake - Schock, lass nach! - auf üble Weise von der Bühne gebuht. Viele Besucher hatten sich Frank Ocean als Überraschungs-Headliner gewünscht. Eigentlich eine Nichtigkeit. Auf News-Blogs und Twitter-Kanälen wurde der Vorfall aber so aufgeblasen, dass man das Gefühl hatte, es hätte eine Art Pop-Kernschmelze stattgefunden: Wie war das möglich, ein Publikum, das Hip-Hop liebt, aber nicht Drake? Von Königsbeleidigung war die Rede und anderen seltsamen Annahmen über den Massengeschmack. Dabei ist ja womöglich gar nicht so schwer zu verstehen, was das alles bedeutet: Nicht alle Musikfans mögen dieselbe Musik. Und manche mögen Frank Ocean eben lieber als Drake.