Hyper-Popkolumne:Der Pop ist am Ende

Lesezeit: 3 min

Hyper-Popkolumne: Piano-Perlen über Extra-Dry-Techno: Chilly Gonzales und Plastikman.

Piano-Perlen über Extra-Dry-Techno: Chilly Gonzales und Plastikman.

(Foto: Camille Blake)

Der Piano-Entertainer Chilly Gonzales fühlt sich "in seiner musikalischen Sensibilität bedroht". Dabei hat er den Wahnsinn von "Walt Disco" wahrscheinlich noch gar nicht gehört.

Von Juliane Liebert

Gibt es sie noch, die guten Dinge aus Plastik? Ja! Okay, mehr symbolisch, keine Actionfigur, aber man muss doch sagen: Als Plastikman hat Richie Hawtin vielleicht profundere Musik gemacht als unter seinem gewöhnlichen Namen. Darunter das Album "Consumed", 1998 erschienen und nicht der unwichtigste Stein im Fundament des Genres Minimal-Techno. Einer von düsterem Glanz jedenfalls in dem Genre, mit dem das Berghain später zum Millionenbusiness wurde. Zum zwanzigsten Jubiläum hörte es Chilly Gonzales, laut Presseinfo ein "trauriges Musikgenie", und fühlte sich, ebenfalls laut Presseinfo, von "der aktiven Stille des Albums in seiner musikalischen Sensibilität bedroht".

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Wir wissen zwar nicht, was das bedeutet, aber es klingt so bedrohlich, dass wir uns auch latent bedroht fühlen. Auf jeden Fall sollte die Gewerkschaft der Pop-PR-Leute dafür kämpfen, dass die Plattenfirmen den Pressetextern bessere Drogen finanzieren.

Zurück zur Neuerscheinung. Sie heißt "Consumed in Key" und ist eine Neuinterpretation von "Consumed". Wie das klingt? Der klassisch ausgebildete Piano-Entertainer lässt über zurückgenommenem Extra-Dry-Techno Improvisationen perlen. Sie changieren zwischen Minimal-Music, Bruchstücken von apokryphem Chopin und sophisticated Salon - alles kristallisiert von elektronischem Polarwind. Die Moral: Chilly und Plastik harmonieren nicht, sie bauen eine feinsinnige Spannung auf. Nach dem Update läuft "Consumed" nicht besser als in der 98er-Version, aber sehr stabil und mit erweiterten Klangfunktionen.

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Noon Garden ist ein Projekt von Charles Prest und ein Soloalbum im strengen Sinn des Wortes: Hier wurde alles vom Künstler selbst gemacht. Und das ist ziemlich viel. Denn "Beulah Spa" ist Weltmusik geworden, verstanden als ganz sachte verstrahlter Blumenstrauß aus (Pop-)Genres, die in diversen Teilen des Globus' gedeihen und hier bestens zusammenhalten, weil Prest einen stilistischen Idiolekt pflegt: Seine Liebe gilt wohl den körperwarmen, wunderlichen Geräuschen. Psychedelic zum Anfassen. Bassgitarren zerren freundlich. Lyric-Phrasen werden recht stoisch wiederholt ("I'm lettin' it go"), gerne unisono mit einem Melodieinstrument gesungen, lustig billige Drum-Pattern ausgekostet, immer wieder sägen leicht angeknackste Alien-Synthesizer irgendwo rum. Prests Album ist heiter, ohne ins Alberne zu kippen. Eine reizende Merkwürdigkeit.

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Hyper-Pop liebt man oder hasst man. Dazwischen gibt es wenig. Spielt man anderen Menschen etwa das Hyper-Pop-Flaggschiff 100 Gecs vor, kriegt man eine von drei Reaktionen.

Eins: eine Mixtur aus Verstörtheit und dem Wissen, dass das modern ist und man sich nicht ohne Coolnessverlust aus der Nummer winden kann. Nach zwei Songs beginnen die Augenlider des Opfers leicht zu zucken, und man weiß, sie wollen weg, aber trauen sich nicht, es zuzugeben.

Zwei: Die der Musik ausgesetzte Testperson sagt: "Das nervt. Mach das bitte nie wieder an."

Oder drei: Heiße, innige Liebe für diese wunderbare Abomination der Popmusik.

Der Verfasser dieser Zeilen gehört zu Gruppe drei, und erzählt das alles, weil Walt Discos neues Album "Unlearning" eine Mischung aus Hyper-Pop und Art-Glam-Pop und damit sogar noch nerviger ist. Man bedenke: Hyper-Pop an sich ist schon nervig. Art-Pop nicht weniger. Glam-Pop ist nur auf Ecstasy gut auszuhalten. Verbindet man die drei erhält man ... sagen wir es so: Chilly Gonzales müsste sich nicht von der aktiven Stille des Albums in seiner musikalischen Sensibilität bedroht fühlen. Sie würde zerstampft werden. Von einem Monster, zugleich Godzilla, King Kong und Jean-Claude van Damme. Walt Disco sind schnell, verspielt und kennen keinerlei Gnade. Man schaut beim Hören die ganze Zeit, ob irgendwo noch ein Tab offen ist, der im Hintergrund parallel spielt, aber nein. Das soll so. James Potter klingt wie ein erschöpfter Meat Loaf, der mit Herbert Grönemeyer gekreuzt wurde. Es ist unglaublich.

Das Album ist damit vielseitig anwendbar. Man kann es laut auf der Beerdigung eines Verwandten spielen, den man nie mochte. Man kann die Platte ungeliebten Verehrern schenken, um sie für immer loszuwerden. Man kann einen Track am 1. April seiner Mutter schicken und behaupten, das sei das Musikprojekt, an dem man seit Jahren arbeite, während sie die Miete bezahlt, man würde es ihr widmen, wie fände sie es denn?

Man könnte es zum Anlass nehmen, das Ende der Popkolumne zu fordern, und stattdessen revolutionär beschwingt eine Hyper-Popkolumne auszurufen. Es gibt Punkte in der Musikgeschichte, nach denen kann man nicht wieder zurück. Walt Disco haben einen von ihnen erreicht, und ob man das gutheißt oder nicht, man muss ihnen Respekt zollen - und sich zur Ruhe setzen. Lebt wohl.

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