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Popkolumne:Chemtrails über dem Country Club

Sängerin Lana Del Rey

Verändert "buchstäblich die Welt": Sängerin Lana Del Rey.

(Foto: Hugo Marie/dpa)

Sollte endlich ein Revival von "Cheech und Chong" anstehen: "Celo & Abdi" wären die Idealbesetzung. Passenger singt für die traurig Besoffenen und Lana Del Rey diskutiert über Diversität.

Von Jakob Biazza

Die Gefahr war natürlich immer da. Lana Del Rey, die Grande Dame des von ihr selbst erfundenen Genres Dem-Überdruss-an-der-Welt-mit-Geschmeide-und-Geigen-entkommen-retro-Folk-Soul ist dem Realen womöglich seit jeher ein klein wenig entrückter als der Durchschnitt. Gerade hat sie im Social-Web für März ihr neues Album "Chemtrails Over the Country Club" angekündigt - mit einem Foto des Covers. Es zeigt die Sängerin mit ihren besten, mitunter opulent behangenen Freundinnen an einem ländlichen Tisch mit karierter Decke, und was soll man sagen: Die Runde sieht so aus, wie es der Titel verspricht, weshalb sich Menschen tatsächlich nicht zu blöd waren, Del Rey vorzuwerfen, ihr soziales Umfeld sei zu wenig divers. So weit so reflexhaft. Und ein wenig verwundert dann doch, mit welcher Energie und Akribie die 35-Jährige die Vorwürfe zu entkräften versucht - unter anderem, indem sie dezidiert Herkunft und Wurzeln der Freundinnen auflistet, um zu zeigen, dass sie sehr wohl "of color" seien: "Meine wunderschöne Freundin aus Del Rio Mexico, genau wie meine allerliebste Freundin Alex und meine hinreißende Freundin Dakota Rain." Dann folgt das wunderbar-verschnupfteste Zitat wenigstens dieses noch recht jungen Pop-Jahres: "Ich bin nicht diejenige, die die Hauptstadt stürmt, ich verändere buchstäblich die Welt, indem ich mein Leben und meine Gedanken und meine Liebe da draußen auf den Tisch lege, 24/7. Respektiert das." Okay, tun wir.

(Foto: dpa)

Das mit dem besoffenen Clown nimmt man Mike Rosenberg hingegen nicht ganz ab. Da sitzt er also, auf dem Cover von "Songs For The Drunk And Broken Hearted" (Cooking Vinyl/Sony Music), dem neuen Passenger-Album - rotzvoll offenbar, fettige Haare, halb geleerte Schnapsflasche in der Hand, das geschminkte Gesicht ein einziger Sauertopf. Böll könnte ihn kaum trauriger erfinden. Aber so richtig passt das nicht. Passenger ist spätestens seit seinem Großhit "Let Her Go" auf todtraurig gemeinten, aber dann eben doch eher lebensbejahend ausgeführten Pop-Folk gebucht. Auch auf dem neuen Album klingt er immer noch meistens so, wie diese hübschen Gegenlicht-Instagram-Fotos aussehen. Aber hie und da schummelt sich eine zumindest beschwipste Trompete in die Szenerie, torkelt eine kleine Gitarren-Unsauberkeit vorbei, schwankt die Stimme ein bisschen ergriffen. Das ändert nicht viel am Gesamtbild, steht Rosenberg aber ganz gut.

(Foto: Dead Oceans)

Kurzer Moment der Irritation, zweiter Blick aufs Cover: Doch, sollte eine Männerstimme sein, die da nach 30 Sekunden Samt-Flausch-Intro feine Lichtfäden in die Welt schickt. Aaron Frazer wird gerade als neuer Falsett-Wunderknabe des Retro-Souls in Stellung gebracht. Man liest allenthalben sogar schon Vergleiche mit Curtis Mayfield, und wie immer, wenn man von Vergleichen mit Curtis Mayfield liest, ist das etwas hochgegriffen. Aber: Was Frazer auf "Introducing..." (Dead Oceans) macht, hat tatsächlich einen recht bezaubernden Schmelz. Und dazu phasenweise eine relativ erlesene Coolness. Er ist als Drummer der Band Durand Jones & The Indications so bekannt geworden, wie man das als singender Schlagzeuger einer Retro-Soul-Band eben werden kann. Außerdem hat Dan Auerbach - Rumpel-Gitarrist bei den Black Keys und unvermeidlicher Produzent für alles, was retro wirken soll, in Wirklichkeit aber dann doch routiniert an Urbanem geschult ist - das Album produziert. Das merkt man ein paar der Stücke an. Vor allem dem in der Hüfte sehr locker schwingenden, leicht rockig angezeckten "Can't Leave It Alone". Anders gesagt: Sollte das Privatfernsehen irgendwann doch wieder Softpornos ins Freitagabendprogramm nehmen - Aaron Frazer könnte die distinguierteren unter ihnen sicher ganz famos vertonen. Im wirklich allerbesten Sinne.

(Foto: 385ideal/Universal Music)

Kurzer Moment der Irritation, zweiter Blick aufs Cover: Doch, sollten zwei Komiker sein, die da nach 15 Sekunden Dunkeldüster-Straßen-Synthie-Intro von Drogendeals faseln, von Packs drücken, Hashplatten, Unterwelt und Fluchtfahrten. Celo & Abdi sind für Deutsch-Rap schließlich ein bisschen das, was Thomas Gottschalk und Mike Krüger ("Zwei Nasen tanken Super"!) für den deutschen Witzfilm waren: irgendwie irritierend also, schon auch lustig - und auf ganz eigene Art grandios. "Mietwagentape 2" (385ideal/Universal Music) ist entsprechend eine Art Roadmovie-Gossenpersiflage-Coming-of-Age-Jason-Statham-Action-Hörspiel. Mit ein paar wirklich sehr manierlichen Beats über die zum Teil grandios verzogen gerappt wird. Anders gesagt: Sollte bald ein Revival von "Cheech und Chong" anstehen, oder eines von "Jay und Silent Bob" (was beides bitte bald der Fall sein sollte) - Celo & Abdi könnten die distinguierteren Folgen sicher ganz famos vertonen. Und auch spielen.

© SZ/freu
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