PopkolumneKalendersprüche gegen den Krieg

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"Vergebung ist ein Zauberstab": Dolly Parton im Jahr 2019.
"Vergebung ist ein Zauberstab": Dolly Parton im Jahr 2019. Mario Anzuoni/Reuters

Capital Bra rappt über den Ukraine-Konflikt, Dolly Parton macht Mut. Beth Hart misst sich mit "Led Zeppelin". Und Diplo? Ach, nicht so wichtig.

Von Jakob Biazza

Ist viel los gerade bei Capital Bra. Schon qua Vita und Werdegang steht der Berliner Rapper, bürgerlich Vladislav Balovatsky, ja gerade knietief im Zeitgeschehen: geboren in Russland, zu größeren Teilen aber aufgewachsen in der Ukraine und deshalb mit der Staatsangehörigkeit des Landes ausgestattet. Möglicher Brückenbauer also wohl. Jedenfalls: Gerade hat er mit Kontra K und Kalazh44 die Single "Stop Wars" veröffentlicht. Ratlose Zeilen: "Zwischen uns noch nie Grenzen gesehen / Aber plötzlich gibt es Grenzen / Plötzlich fliegen Bomben auf die Menschen / Und plötzlich fahren Panzer, plötzlich fliegen Kampfjets / Plötzlich siehst du Kinder mit Waffen aus dem Darknet." Der Song ist außerdem ein interessantes Lehrstück darüber, wie fortlaufend sich Musik mittlerweile auch nach der Veröffentlichung noch ändern kann. Ursprünglich war im Refrain ein Sample des Bürgerkriegssongs "Sunday Bloody Sunday" der Iren von U2 zu hören. In einer späteren Version wurde der Gesang dann ersetzt: "Freedom time" wird da jetzt gesungen.

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Am Freitag soll außerdem ein neues Album von Capital Bra erscheinen. Nach allem, was man bislang hören kann, ist "8" (Bra Musik) allerdings recht fantasielos fortgeschriebener Straßenrap-Firlefanz: düster-fiese, Synthie-zerfräste Beats. In der Grundstimmung viel Grau. Etwas Liebeskummer. Jede Menge Uhrengeprotze. Und das übliche Kleinkriminellen-Gewäsch, hier in derbsten Backe-backe-Kuchen-Rhymes: "Besser rede nicht mit Cops / sonst nehmen wir dich hops."

Dolly Parton:
Dolly Parton: Butterfly Records

Dann vielleicht also doch lieber Dolly Parton. Erfindet die Welt jetzt auch nicht direkt neu, aber spendet ihr wenigstens ein bisschen Kraft: "Is it easy? / No it ain't / Can I fix? / No, I can't / But I sure ain't gonna take it lyin' down." Alles schwer. Nichts davon zu lösen. Aber wer würde deswegen gleich aufgeben und sich langmachen. "Woman Up (And Take It Like a Man)" heißt der Song, der Teil des sehr vergnügt gegen die Umstände anmarschierenden Albums "Run Rose Run" (Butterfly Records) ist. Ein, da muss man nicht groß drum herumreden, sehr archetypisches, sehr amerikanisches Country-Werk. Bisschen Bluegrass-Einschlag, hie und da ein paar sehr schwungvoll gefidelte Geigen und wirklich ganz schnittige Chöre. Dazu ein, zwei richtig unerträgliche Balladen, aber eben auch der Song, der von hier an für die kommenden Wochen gelten soll - mindestens: "Dark Night, Bright Future". Und so klingt das: "Forgiveness is a magic wand, makes things disappear / Kindness wipes away regret, hope can conquer fear." Sind das Kalendersprüche? Himmel, ja. Es ist Country. Es ist der Schlager der USA. Aber man nimmt in diesen Tagen doch, was man kriegt. Oder? Also!

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Beth Hart, die große kalifornische Blues-Rock-Stimme, widmet Led Zeppelin, der enorm großen britischen Blues-Rock-Band, ein Album. Also was heißt widmen: Auf "A Tribute to Led Zeppelin" (Provogue /Mascot Label Group) finden sich die riesigsten, größten Hits der Band - sehr enthusiastisch gesungen, ganz viel Mojo in der Stimme und womöglich auch so etwas wie Wut. Sehr originalgetreu damit also auch, und man könnte sich nun natürlich fragen, warum man dann nicht einfach ein Zeppelin-Best-of auflegen soll? Nun, stimmt schon. Andererseits macht es kurzzeitig ein bisschen Spaß zu sehen, wie eine Frau in der Breitbeinigkeit mit dem Ur-Rock-Reptil Robert Plant mithalten kann.

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Und damit zum Schluss noch die Pop-Verwirrung der Woche. Ist schließlich seltsam: ausgerechnet Diplo. Und ausgerechnet beim ersten Solo-Album seit 18 Jahren. Der Produzent, der sonst doch so etwas wie einen Signature-Sound in den Electro bringt, einen unverkennbaren Stil. Ein paar Takte genügten ihm doch bislang, damit man wusste (ob man es nun mochte oder nicht), dass es nur er sein kann. Das war bei Major Lazer so, und noch mehr bei der wirklich brillanten Allstar-Formation LSD (zusammen mit der absolut grandiosen Sia und dem Sänger Labrinth). Zuletzt dann als Thomas Wesley, dem Alias, unter dem er Country und Dance-Music zusammenbringt, und zwar fantastisch, stimmig - zwingend beinahe. Und der klingt auf "Diplo" (Warner Music) jetzt plötzlich ganz verwirrend austauschbar. Überraschend naheliegende Produktions- und Songwriting-Ideen. Irre erwartbare Dramatik in den Arrangements. Sehr gewöhnliche Sounds. Womöglich irrt man sich und es gibt Tiefen in diesem Album, die man erst mit der Zeit auslotet. Das wäre toll. Und bis dahin wäre zum Beispiel "Heaven" vom LSD-Album noch mal ein dringender Anspieltipp.

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