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Popkolumne:Bitte ein Moshpit!

Die Popkolumne muss sich Fragen stellen: Kann Mantar Lemmy? Ist man Park Hye Jins Baby? Jetzt und für allezeit? Was unterscheidet Tiffy SoftPunk von der Vierlagigkeit anderer Produkte? Und kann etwas nach Arcas Viele-@@-Song kommen?

Von Juliane Liebert

Wie covert man am einfachsten? Man haut einfach jedem Song ein Gitarrenbrett vor den Kopf. Das ist im Fall von Mantar durchaus als Kompliment zu verstehen. Die Metal-Band bringt an diesem Freitag ein Cover-Album heraus. "Grungetown Hooligans II" ist es betitelt. Und es ist wunderbar. Mantar sind so etwas wie die Trolls einer Metalkultur, die ihren Gitarrenlärm gerne in höchster Verfeinerung irgendwo zwischen Hochleistungssport und akustischer Haute Cuisine zelebriert. In einem Spielfilm über die Band, wenn er denn je gedreht würde, sollte unbedingt eine Szene eingebaut werden, in der Lemmy selig ihnen über ein paar zärtlichen Flüchen den Staffelstab des Metalproletentums überreicht. Auf dem Totenbett. Auf "Grungetown Hooligans II" schlachten Mantar eine reizend schamlose Auswahl an weltberühmten Grungebands der zweiten Reihe für ihre Cover aus. Schamlos deshalb, weil Grunge bis vor Kurzem noch so out war, dass solche Cover lediglich von depressiven Schülerbands unter 17 Jahren gespielt werden durften. Dass dann aber auch eine Zwei-Mann-Band alle wegblasen kann, ist schon nach wenigen Sekunden klar. Nur ein bisschen mehr Mut zum buchstäblichen Grunge, also Dreck, hätte man ihrem Sound noch gewünscht. (Steve Albini, wo bist du?) Aber das ist ein kleinlicher Einwand angesichts der Freude, die man empfindet, eine so munter den guten alten Musikschinken Rock traktierende Band zu finden. Rock in seiner harten, schweren und doch gewitzten Spielart. Aus Deutschland, übrigens. Schlimmer noch: aus Bremen. Mit türkischem Namen und türkischstämmigem Drummer. Falls sich noch jemand fragt, wozu Migration gut ist: zum Headbangen und Moshpitten natürlich.

Park Hye Jin wurde in Seoul geboren und lebt inzwischen in Los Angeles. Ihre neue EP "How Can I" erscheint bei Ninja Tune. Die Koreanerin mag es housig mit gelegentlichem Pantha-Du-Prince-Glockengeläut. Elektronische Gischt schwappt ins Gehör. Dann stampft wieder das Tanzbein. Ein koreanischer Satz, oft wiederholt, dann Englisch: Can you be my baby? Kennen wir. Können wir. Die Maschinen housen derweil deep vor sich hin. Drums schleppen sich ein wenig erschöpft mit. Ihr Style erinnert an Yaeji. Roher, nicht spielerisch. Sie loopt Gesangsegmente bis zum Umfallen. Bedient sich aus dem Fundus der klassischen Clubmusik, aber immer, wenn man denkt, dass man sie gerade bei einem lupenreinen Genretrack ertappt hat, beginnen die Step-Sequenzer zu stolpern, und es passiert wieder was völlig anderes. Dabei türmt sie keine Soundschichten aufeinander, sondern baut weitgehend schnörkellose Stücke. Zugängliche elektronische Musik irgendwo zwischen Houseparty, Classic Berghain und Transmediale-Gefrickel.

Mit "Soft" assoziiert man in Deutschland ja Klopapier, aber Tiffy (nicht zu verwechseln mit der pinken Nervensäge aus der "Sesamstraße") eine Nähe zur sanitären Flauschigkeit des Vielzuspät-Kapitalismus zu unterstellen, täte ihr 4-lagiges Unrecht. Sie macht Soft Punk. Ihre neue Single heißt "Something For Nothing". Einen Moment überlegt man, ob sie ihren Stil nicht eher Mindful Punk, also Achtsamkeitspunk nennen sollte. Aber vergessen wir einfach die Bezeichnungen und freuen uns über sanftmütig eigensinnigen Gesang, der mit der Tonalität rumalbert wie Pippi Langstrumpf mit Pfannkuchenteig. Und staunen, dass sich zwischen all den Spielarten des Indie immer wieder Leerstellen, semantische Lichtungen auftun, in denen melodiöse Menschlichkeit gedeihen kann.

Arca, inzwischen offiziell eine nonbinäre Sie, segnete uns neulich noch mit einem monumentalen Track. Er trug den unbedingt konkret poetischen Titel "@@@@@. @@@@@" (ohne die Anführungszeichen). Das Stück hatte die Länge und emotionale Bandbreite einer Mahler-Sinfonie. Auf dem neuen Album "KiCk i" kollaboriert Arca stattdessen mit Rosalia und versenkt sich in lauter kleine Bits. Leider kommt bei Footwork-Avantgarde-Kram ja oft immer dasselbe raus: Beats zappeln. Samples schwirren einem virtuos verhackstückt um die Ohren. Ab und zu ein paar pathosstrahlende Synthesizer, bissl Gewummer. Ach ja, und irgendwas mit künstlicher Intelligenz. Was man aber nur hört, wenn man es weiß, versteht sich. Viel Klicken, Zerren und Zirpen. Die genderfluide Zukunft zuckt in Ekstase. Gelegentliche spanische Raps. Fast alle Farbtöne des elektronischen Geräuschuniversums blitzen mal irgendwo auf. Wäre das Album ein Film, müsste man vor Epilepsie warnen.

© SZ vom 24.06.2020

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