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Popkolumne:Aufregend entspannt

Neue Musik von "Hot Chip" und Aloe Blacc - sowie die Antwort auf die Frage, ob gerade tatsächlich mal wieder ein neues Pop-Genre aufgetaucht ist.

Von Quentin Lichtblau

Als Musikjournalist freut man sich ja immer sehr, wenn man glaubt, so etwas wie ein neues Pop-Genre entdeckt zu haben. Und besonders glücklich ist man, wenn es dann auch noch perfekt in gegenwärtige Zustände zu passen scheint. Ich präsentiere heute also: Electronic Listening. Also Clubmusik, die keinen unbedingten Tanzdrang auslöst. Oder Wartezimmermusik ohne Belanglosigkeit. Wie gemacht für eine Zeit, in der die Clubs noch immer geschlossen sind und es vorerst auch keine Aussicht darauf gibt, dass sich das so schnell ändert. Während viele Techno-DJs bei ihren nachmittäglichen Webcam-Streaming-Sets weiterhin so tun, als stünden sie gerade um vier Uhr morgens in einem Betonverlies vor 500 schwitzenden Körpern, geht das kleine Kölner Label Kame House einen sofafreundlicheren Weg. Wobei elektronische Musik, der es nicht um alles geht, selbstverständlich nun auch nicht eine komplette Neuerfindung ist, egal, ob man sie nun Ambient, IDM (alias Intelligent Dance Music) oder wie Kame House nun Electronic Listening nennt. Neu ist allerdings, das sich das Label mit dem Verlag Strzelecki Books zusammengetan hat und ein Buch namens "Therapy Flowers" (Kame House) veröffentlicht, in dem die Künstlerin Michaela Predeick die Blumensträuße im Wartezimmer ihrer Therapeutin fotografiert hat. Davon haben sich dann wiederum die Ton-Künstler auf einer zugehörigen Compilation inspirieren lassen. Aber was sich nach tristem Kitsch anhört, klingt dann doch aufregend entspannend: Conny Frischauf lässt einen sein Blockflöten-Kindheitstrauma vergessen ("Im Sog des Risikos"), Benedikt Frey türmt ganz ohne Beats New-Age-Synthies aufeinander ("Triadic Balle Excerpt Pt.3") und zu Bartellow und Lukas Rabes "Lago" würde man dann doch gerne vom Therapie- oder sonstigen Sofa aufstehen und in irgendeinen Sonnenaufgang tänzeln. Vielleicht ja nächsten Sommer.

Ähnlich geht es auf der renommierten "Late Night Tales"-Serie des gleichnamigen britischen Labels zu. Hier dürfen bekannte Künstler jeweils ihre Version einer ultimativen Zuhause-Selektion für spätabends veröffentlichen, immer unter der Voraussetzung, dass sich darauf auch ein paar exklusive eigene Nummern befinden. Diese Ehre kommt nun den Londonder Indie-Elektro-Ikonen von Hot Chip zu: Die schielen in ihrer Mischung neben etwas zu kuscheligen Piano-Nummern von Nils Frahm ("Ode") oder Daniel Blumberg ("The Bomb") dann doch ein ganz wenig Richtung Tanzfläche. Zum Beispiel mit Suzanne Krafts "Femme Cosmic" oder Fever Rays "To The Moon And Back" oder dem dubbigen "King In My Empire" von Rhythm & Sound und Cornell Campbell. Obwohl das ganze stimmungsmäßig also durchaus in mehrere Richtungen und Epochen ausgreift, früher nannte man das mal "eklektisch", stimmt bei dieser Mischung aber doch auch ziemlich genau. Überragt wird alles allerdings von den eigenen Produktionen (etwa "Nothing's Changed"), vor allem dem absolut grandiosen Cover der Transgender-Ballade "Candy Says" von Velvet Underground. Und als ob das nicht reichen würde, liest der Vater von Hot-Chip-Sänger Alexis Taylor am Schluss noch aus "Finnegans Wake" von James Joyce vor - schon wieder so ein Rückgriff aufs Buch, ist das etwa ein Genre?

Aloe Blacc wiederum kennt man als eine ziemlich gute Stimme des Revivals eines Genres namens Soul in den späten Nuller- und frühen Zehnerjahren. Oder aber von "Wake Me Up" 2013, einem dann doch eher fürchterlichen EDM-Folk-Track von Avicii, bei der nach anderthalb Minuten Blacc am Lagerfeuer die Autoscooter-Fanfaren donnern. Das ist jetzt aber auch schon wieder sieben Jahre her, und Aloe Blacc hat ein neues Werk namens "All Love Everything" (BMG Music) fertig gestellt. Und auch wenn darauf zwar nicht mehr die Fanfaren drohen, passiert leider doch etwas zu oft ähnlich fatales: Fängt ein Song wie "Family" zum Beispiel noch mit einem recht intelligenten Trio aus Rimshots, mit dem Handballen gedämpfter Gitarre und Blaccs nach wie vor sehr guter Stimme an, löst sich die rhythmisch gegenläufige Spannung in einem faden Gute-Laune-0815-Refrain mit "Despacito"-Harmonien auf, der auch, sagen wir, von Dieter Bohlen stammen könnte. Überhaupt scheint der Rückzug ins Private, das Durchhalten im schönen kleinen Familien-Glück ("Wherever You Go"), das man ihm natürlich gönnt, als die textlich offenbar einzige Inspiration dann doch eher dünn. Besonders eigenartig wird das beim Song "Harvard", wenn er sich selbst, immerhin ein Star mit einem Vermögen von ein paar Millionen Dollar, mit einer alleinerziehenden Single-Mutter mit zwei Jobs vergleicht und fragt: "Don't we all got issues?" Nun ja.

© SZ vom 30.09.2020
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