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Popkolumne:Auf Synthie-Wölkchen

Fortsetzung ´Rockavaria"

Abschied: Kiss haben verkündet, das sie nun auf ihre letzte, aber wirklich allerletzte Tour gehen.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Neues von Indie-Band Alt-j, den schwedischen Viagra Boys, Yumi Zouma und: Kiss hören auf.

Von Jens-Christian Rabe

Die ziemlich famose britische Indiefolk-Electropop-Band Alt-j hat sich einen Wunsch erfüllt und ihr im vergangenen Jahr erschienenes, drittes Studio-Album "Relaxer" von Hip-Hop-Produzenten auseinandernehmen und mit Hilfe von gefeierten Rappern wie Danny Brown, Pusha-T oder Little Simz neu zusammensetzen lassen. "Reduxer" (Infectious Music/BMG) heißt die Platte nun und der so irritierend ätherische wie zarte Alt-j-Sound ist immer noch gut zu erkennen, durch die Raps gewinnen Songs wie "3WW", "In Cold Blood" oder "Deadcrush" aber noch eine ganz eigene existenzielle Härte und Dringlichkeit. Anders gesagt: Zu diesem Alt-j-Album kann man seiner Alltagsschwermut jetzt auch gut hinterher wanken, wenn man noch etwas Wut im Bauch hat. Alltagsschwerwut.

Das komplette neue Album "Street Worms" (Year0001 Records) der schwedischen Punkrock-Band mit dem angemessen lächerlichen Namen Viagra Boys muss man nicht unbedingt gehört haben. Aber das Video zur Single "Sports" ist schon schön. Sänger Sebastian Murphy stolpert darin mit Kabelmikrofon, Sonnenbrille, Trainingshose und nacktem, aber vollständig tätowierten Bierbauch, immer aggressiver von Volleyball und Dackeln grölend, über einen Tennisplatz in einer sehr aufgeräumten Halle - während ein Spiel eines motivierten jungen Ehepaars läuft. Und ab und an, trifft Murphy ein Ball, was er natürlich aber gar nicht merkt. Ach, der gute alte Punkrock und seine ewige Liebe zur grandios bescheuerten Metapher.

Die Idee Kiss schien einem ja immer genial, vor allem als Geschäftsidee: Für Unsterblichkeit, also Ticketverkäufe bis in alle Ewigkeit sorgen, indem man sich so stark schminkt und verkleidet, dass man gleich auch noch seine eigene Parodie ist und im Zweifel irgendwann einfach jemand anderes auf der Bühne Kiss sein kann (gesetzt den Fall freilich, er hat eine sehr lange Zunge). Aber nun hat Sänger Paul Stanley am Mittwochabend in der amerikanischen Fernsehshow "America's Got Talent" nach 45 Jahren tatsächlich die große Abschiedstournee der Band angekündigt. Eigentlich kann das nur eine weitere Geschäftsidee sein, so eine Tour muss ja auch erst mal ausverkauft werden.

Noch ein paar neue Indiepop-Synthie-Wölkchen braucht natürlich kein Mensch. Aber wenn sie einen so schwerelos federnd umfangen wie "Crush (It's Late, Just Stay)" oder "In Camera" vom neuen Album "EP III" der neuseeländischen Band Yumi Zouma, dann kann man auch nichts machen, dann fühlt sich das alles plötzlich wie ein einziger sonniger Sonntagnachmittag an, an dem man nur noch doller dösen will.

Unter den überflüssigen literarischen Gattungen sind die Liner Notes, die Begleittexte zu Pop-Alben, die allerüberflüssigste. Selbst in den besten Fällen, wenn leidlich prominente Gastautoren gewonnen werden konnten, sind es hohle Lobhudeleien, die keiner liest. Für das im November erscheinende neue Album "Warm" vom Indie-Americana-König Jeff Tweedy hat jetzt George Saunders die Liner Notes geschrieben. Im New Yorker sind sie schon nachzulesen. Und siehe, so geht es also auch: "Wie sollen wir leben, wenn einem am Ende das riesige Klavier namens ,Tod' nicht nur auf den eigenen Kopf fällt, sondern auch auf die Köpfe von allen Menschen, die man liebt? Dieses Album, so scheint es mir wenigstens, gibt eine Antwort auf diese Frage. Womöglich ist es sogar noch mehr: der Beweis dafür, dass man diese Frage überhaupt stellen kann. Soll ich ängstlich sein oder meinen Spaß mit dem Leben haben?, fragt sich der Hörer. Ja, sagt Jeff Tweedy."

Ahmir Thompson alias Questlove ist der hochverehrte Drummer und Kopf der Roots, der besten Black-Music-Band der Gegenwart. Mit den Roots ist er darüber hinaus als ständiger Gast der amerikanischen Late-Night-Show von Jimmy Fallon auch Teil der amerikanischen Mainstream-Popkultur. Und dann ist er gefeierter DJ, Buchautor und ein Pop-Polymath mit enzyklopädischem Wissen noch über die entlegensten Nischen der Pop-Geschichte - und immer wieder überraschenden Vorlieben: Im amerikanischen Rolling Stone erklärte er etwa gerade, warum er Bruce Springsteen im Allgemeinen und dessen Song "Brilliant Disguise" im Besonderen schätzt: "Bruce ist hier so offen, er sagt einfach, dass eine Liebe vorbei ist. Die meisten Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, versuchen trotzdem mit aller Macht ihre Privatsphäre zu beschützen. Bruce sagt dagegen einfach, wie es war, ohne Erlösung: ,Wir haben unser bestes gegeben und es hat nicht funktioniert.' Diese Ehrlichkeit und Verletzlichkeit ist in der Musik sehr selten."

© SZ vom 26.09.2018
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