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Popkolumne:Auf in die Zukunft!

Mit neuer Musik von Myrkur, XXXTentacion und Lee Ranaldo - sowie der Antwort auf die Frage, wer mit Popmusik für künstliche Intelligenz wirbt.

Nein, ein Topfuntersetzer ist keine gute Idee, könnte man so denken, jetzt, wo es an der Zeit ist, über Geschenke nachzudenken, bei zehn Grad, der Himmel strahlendblau. Die ersten Veilchen blühen, oder vielleicht sterben sie auch, wer weiß das schon so genau. Es könnte keine bessere Zeit geben für eine hier notorisch vernachlässigte Musik: Black Metal. Denn Amalie Bruun, die zwar mit einem zeitlos romantischen Vornamen gesegnet ist, ihr Black-Metal-Projekt aber Myrkur nennt, veröffentlicht ihre EP "Juniper" (Relapse Records). "Lana del Rey meets Darkthrone", nennt sie das Internet und kann sich nicht einigen, welche Art von Metal sie nun genau macht. Man ist ja versucht, sich über den Metal-Kindergarten lustig zu machen, in dem fanatisch darüber gestritten wird, wer innerhalb eines obskuren Subgenres jetzt glaubwürdig ist und wer nicht. Andererseits ist es auch berührend und trostreich, dass es noch Menschen gibt, die leidenschaftlich darüber streiten, mit welchem Klangprofil die Welt zu einem dunkleren Ort zu machen ist. Myrkur steht jedenfalls ungerührt erzblond auf der Bühne vor einem knorrigen Mikrofonbaum und schenkt uns Sirenengesänge, ein Seelenjaulen aus den Tiefen des Styx. Außerdem hat sie ein Händchen für Coverversionen von Folksongs.

Das Ganze ist sehr artifiziell, aber gradlinig und humorlos genug, um nicht unter Mittelaltermarktverdacht zu geraten. Wer sich in eine Sagenwelt wünscht, in der nordische Schönheiten noch gefährlich und unzugänglich sind, ist bei Myrkur gut aufgehoben. Bei Liveauftritten gibt es muskulöse, dreckbeschmierte Recken gleich noch mit dazu, Double-Bass-Speeddrums, klar, und manchmal sogar einen rauen Schrei der sonst so wohlklingenden Amalie.

Auch immer schön in der Weihnachtszeit: Frauenschläger. XXXTentacion war gewalttätig gegen seine Freundin und ein hochtalentierter Musiker. Im Juni wurde er in Florida erschossen. Ein banaler Raubüberfall. Nun erscheint sein erstes posthumes Album, unter anderem mit einem Track, auf dem Kanye West dabei ist. Auf "Skins" (Bad Vibes Forever Records) ist unverkennbar, welches Talent an Jahseh Dwayne Ricardo Onfroy, wie er bürgerlich hieß, verloren gegangen ist. Dünnstimmige Autotuneklagen über Trapbeats treffen auf Hardcoreschreie, Garagensound, Grunge-Gitarren. Vielleicht hätte der erklärte Fan von Kurt Cobain tatsächlich antreten können, um der Gitarrenmusik aus gänzlich unvermuteter Richtung auf die Sprünge zu helfen. Jetzt bleiben nur Fragmente. Und die Hoffnung auf würdige Erben.

xxxtentacion

Das dritte Element zur Dreifaltigkeit aus Black Metal und häuslicher Gewalt sind natürlich philosophische Verse über Orgasmen. Die bietet der einstige Sonic-Youth-Gitarrist Lee Ranaldo auf "Electric Trim Live At Rough Trade East", der Livefassung seines letztjährigen Albums namens - genau - "Electric Trim". Die Texte stammen zum Teil wohl auch vom Schriftsteller Jonathan Lethem, und so singt Ranaldo also: "Yesterday, when you came sweetly / I got the sense that I could have you so completely / But it's always the same thing, you had a view of your own." Dass die Leute auch immer eine eigene Sichtweise haben müssen! Vor allem Sexualpartnern sollte das verboten sein. Das Live-Album ist dabei besser als seine Studioversion. Während das Studioalbum zum Teil in zwar etwas ulkig zusammengepuzzelter, aber doch gefälliger Indiepoppigkeit vor sich hindudelt, spielt er die Live-Versionen solo. Die Gitarre ist der Star. Organisch schnarriger Brummbass mit Obertonfeuerwerk. Seine Stimme ist auch präsenter, er klingt immer noch sehr jungenhaft, obwohl er längst über sechzig ist - das kennt man nicht mal von David Byrne. Insgesamt funktionieren die Songs so schrammelig reduziert wirklich gut. Mit sympathisch umständlicher Literarizität der Texte. Und einen frustrierten Song über das Internet gibt's auch: "Everyone's talking about a new thing / A new thing in the sky."

Am anderen Ende des Spektrums steht da Grimes, die nach drei Jahren die Single "We Appreciate Power" veröffentlicht hat. Ob der Titel eine Erklärung ist, warum sie von allen Menschen auf der Welt ausgerechnet Elon Musk datet? Leider nicht. Stattdessen, so Grimes, ist "We Appreciate Power" aus der Perspektive "einer Pro-AI-Girl-Group-Propaganda-Maschine geschrieben, die Songs, Tanz, Sex und Mode verwendet, um Wohlwollen gegenüber künstlicher Intelligenz zu verbreiten". Allein durch das Anhören des Songs würden "die zukünftigen General-AI-Overlords sehen", dass der Hörer ihre Botschaft unterstützt habe, und "es würde unwahrscheinlicher, dass sie ihren Nachwuchs löschen". Na dann. Scheint zu laufen bei den beiden. Auf in die Zukunft!

© SZ vom 05.12.2018

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