Popkolumne:"Freizeit und Kuchen statt Arbeit und Brot"

Lesezeit: 3 min

Popkolumne: Der Sturm vor der Ruhe: Alanis Morissette hat ein Album für Achtsame aufgenommen.

Der Sturm vor der Ruhe: Alanis Morissette hat ein Album für Achtsame aufgenommen.

(Foto: Shelby Duncan)

Alanis Morissette macht jetzt Meditationsmusik. RZA auch. Andreas Gabalier nicht und Ferris MC nun wirklich gar nicht.

Von Jakob Biazza

Jetzt ist die Pandemie wohl auch im Pop richtig angekommen. Inhaltlich. Also ästhetisch. In der Literatur suhlen sich die Experten ja schon lang in Agonie und Ekel angesichts der Corona-Romane, Corona-Essays, Corona-Erfahrungsberichte, Corona-Tagebücher. Vor allem der Tagebücher. Insgesamt natürlich: ganz schwieriges Sujet. Es leiden ja alle auf ganz unterschiedliche Art gleich an dieser Zeit. Gibt nur ganz wenige, die da etwas wirklich anderes zu sagen haben als die anderen - und bei denen wirkt es sehr leicht furchtbar gewollt. Oft auch wahnsinnig manieriert.

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(Foto: Label)

Der Pop hat demgegenüber nun natürlich die ganz wunderbare Möglichkeit, gar nichts zu sagen und trotzdem etwas auszudrücken, was man sich für die Welt allgemein ja womöglich öfter wünschen würde. Jedenfalls: Alanis Morissette, eigentlich gerade in Europa unterwegs, um das 25-Jährige ihres episch guten Albums "Jagged Little Pill" live zu feiern, veröffentlicht am Freitag parallel ein neues: "The Storm Before The Calm" (Sony Music). Ein Meditationsalbum. Und was soll man sagen: wirklich überhaupt nicht schlecht. Auch, nein, gerade für Menschen, die Meditationsmusik sonst für geeignet halten, Gehirnmasse in langzeitdurchnässtes Bircher-Müsli zu verwandeln. Diese überachtsamen Akkorde, die Chakren flutenden Nicht-Beats, die Flöten. Vor allem die Flöten. Morissette hat zusammen mit dem Produzenten und Multiinstrumentalisten Dave Harrington (der ist mit Nicolas Jaar sonst das Electro-Duo Darkside) nun aber ein paar erstaunlich dreidimensionale Songs gebaut. Tragfähige Melodien statt plattem Gewaber, elegant morphende Synthies, Eiskristall-helle Gitarren. Gegen Ende (Song: "Mania") bricht das Ganze sogar in einen schwer rollenden Groove mit viel Zerre aus.

"Das Album zu machen, ermöglichte es mir, verbunden und verantwortungsbewusst zu bleiben, als ich in der Corona-Zeit das Gefühl hatte, ich würde mich einfach auflösen und verschwinden", sagt Morissette dazu. Was womöglich wieder zeigt, was oben schon angedeutet wurde: besser schweigen - und ein Philosoph bleiben.

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(Foto: Label)

Ganz ähnliches Problem ja damals auch bei Wu Tang Clan-Mastermind, Rapper und Lebensphilosoph RZA: Auch der hat - früh in der Pandemie bereits - ein Meditationsalbum veröffentlicht: "Guided Explorations" (RZA), eine Kooperation mit einem Teehersteller. Und auch hier: eigentlich ein feiner Ansatz. Sehr brauchbarer, nein, eigentlich wirklich extrem stilsicherer Lofi-Ambient-Hip-Hop, und natürlich auch ein Zielpublikum (tendenziell Rap-affin, vermutlich eher männlich), bei dem sich ein Hauch Spiritualität womöglich lohnen würde. Und dann aber eben die Inhalte: "Der Druck der Konkurrenz kann dich stagnieren lassen." Oder: "Versuche nicht, dem Chaos zu entfliehen, sondern finde die Ordnung darin." Nun denn.

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(Foto: dpa)

Wie kommt man von da jetzt am besten zu ... ah, ja: Das Gegenteil von Achtsamkeit? Genau: Andreas Gabalier. Dieses Grobschrötige, Auftrainierte. Das Frauenbild. Ständig Heimat. Immer auf irgendwas stolz. Der Gabalier-Hass hat sich, gerade in der achtsamen Community, ja zu einem ganz eigenen Genre entwickelt, und es gibt dafür natürlich Gründe, und viele davon sind wirklich gut. Auch auf "Ein neuer Anfang" (Universal), seinem neuen Album, auf dem ein Song - kein Witz - "Bügel dein Dirndl gscheit auf" heißt. Aber von Morissette und RZA mürbe meditiert kann (muss?) man vielleicht auch mal dies einräumen: Das, was Gabalier machen will, krachledernen, dickwadeligen Schlagerrock, das kann man - musikalisch - nicht viel besser machen. Ob man es machen muss? Gott ja, irgendwas muss der Mensch ja machen.

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(Foto: Label)

Gilt vielleicht auch hier: Nachdem Sascha Reimann, besser bekannt als Ferris MC, jüngst Helena Anna Reimann (seiner Frau) seine ziemlich einnehmende Autobiografie diktiert hat (Titel: "Ich habe alles außer Kontrolle"), macht er jetzt wieder Musik. "Alle hassen Ferris" (Arising Empire/Edel) heißt sein neues Album, und es ist auf ganz ähnlich einnehmende Art faszinierend und verstörend: Mit derselben quasimanischen Inbrunst, mit der er vor Jahrzehnten den deutschen Hip-Hop erst verstört, dann zerfetzt und damit bis heute geprägt hat, hat er ihn dann ja verlassen. Erst als ziemlich feine Klangfarbe der Band Deichkind. Dann weiter Richtung Selbstfindung. Seither pogt, prügelt und brüllt er mit 90er-Crossover als Underdog-Marie-Antoinette derart brachial am Zeitgeist vorbei, dass es auch schon fast wieder ein eigenes Genre ist. Oder, in seinen Worten: "Freizeit und Kuchen statt Arbeit und Brot."

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