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Popkolumne:Alte Helden

Die "Beastie Boys" feiern sich selbst mit einem gigantischen Buchprojekt, die Band "Snow Patrol" hat ein neues Album am Start und Stephen Malkmus macht rumpelnden Indie-Rock.

Von Max Fellmann

Oje. Die Popmusik wird immer trauriger. Nein, das ist jetzt nicht der kulturpessimistische Standardseufzer, sondern das Ergebnis einer Studie: An der Universität im kalifornischen Irvine wurden 500 000 Songs untersucht, die zwischen 1985 und 2015 in England auf den Markt kamen. Die Forscher sortierten sie in Kategorien, das Ergebnis: "Fröhliche" Songs wurden in den 30 Jahren immer seltener, "traurige" dagegen immer mehr. Zugleich fielen zunehmend mehr Songs in die Bereiche "tanzbar" und "partytauglich". Die Forschungsgruppe bewertet das so, "dass zwar die generelle Stimmung schlechter wird, aber die Leute umso mehr alles vergessen und einfach tanzen wollen". Tja, da ist wohl was dran.

Omara Moctar, der sich als Musiker Bombino nennt, hat ein unruhiges Leben hinter sich. Als Kind floh er mit seiner Familie aus Niger vor der Rebellion, später ging er zurück, um zu kämpfen. Dazwischen fand er zum Glück Zeit für die Musik. Vor fünf Jahren hat ihm Dan Auerbach (Black Keys) das fantastische Album "Nomad" auf den Leib produziert, ein wilder Wüstenritt mit lauten E-Gitarren und galoppierendem Schlagzeug. Auf seinem neuen Album "Deran" bremst Bombino, geht es eher zurückgelehnt funky an. Die Tuareg-Melodien klingen für westeuropäische Ohren immer noch wundersam verschlungen, aber darunter pulsiert es nicht mehr so heftig, oft fährt die Musik auf Dub-Reggae-Tempo runter, das erinnert an Mano Negra, Manu Chaos ehemalige Band. Bombino scheint etwas zur Ruhe zu kommen. Wie schön.

"Chasing Cars" und kein Ende. 2006 war das, die britische Band Snow Patrol hatte einen Glücksgriff getan, tolles Lied, toller Spannungsbogen, epischer Gitarrenpop, wie geschaffen für Massenschwärmereien bei verregneten Rockfestivals. Der Song hielt sich in den britischen Charts 166 Wochen, ganz Europa summte mit, monatelang, überall, ununterbrochen. Snow Patrol verkauften Millionen von Alben, gaben riesige Konzerte - und umgehend versank der Songwriter und Sänger Gary Lightbody in Depressionen und Alkohol. Heute geht es dem Mann besser, trotzdem sind seit dem letzten Album schon wieder sieben Jahre vergangen. Jetzt also "Wildness": zehn Songs mit viel Lagerfeuergitarre und leicht larmoyantem Gesang, einfacher Folkpop, manchmal arg einfach. Dafür lassen die hymnischen Texte, für die Lightbody früher oft verspottet wurde, jetzt auch seine Verwundungen erkennen, das gibt den Songs mehr Tiefe. Und allein für den Titel "What If This Is All the Love You Ever Get?" verdient Lightbody einen Songwriter-Preis.

Courtney Love, Kurt Cobains notorische Witwe, hat Stephen Malkmus mal als "Grace Kelly des Indie Rock" verspottet. Malkmus brummte dazu später, die Formulierung sei das Beste, was Courtney Love je hingekriegt habe. Malkmus ist inzwischen schon über 50, sieht aber immer noch aus wie ein kalifornischer Student (na ja, sagen wir: jung gebliebener Dozent). Seine Band Pavement, eine der wichtigsten im Indie-Rock der 90er-Jahre, ist längst Geschichte, wie ja eigentlich auch der ganze Indie-Rock. Mit seiner neuen Begleitband The Jicks hat Malkmus jetzt schon das siebte Nach-Pavement-Album aufgenommen, es heißt "Sparkle Hard". Beim Singen die richtigen Töne zu treffen, interessiert ihn so wenig wie immer - und wie immer ist das ein bisschen schade. Seine Lieder haben fast stets Pop-Appeal, aber er verschlurft sie gern, schmutzt beherzt rum, macht Lärm, lässt alles ein bisschen durcheinanderrumpeln. In den 90er-Jahren machte man das eben so. Das Schönste aber ist, dass mittendrin Kim Gordon als Gastsängerin (bei einem Countrysong!) auftaucht. Die Bassistin von Sonic Youth und der Sänger von Pavement: fast schon ein Klassentreffen. Eigenartig, dass sie Courtney Love nicht dazugebeten haben.

Und wenn wir schon bei alten Helden sind: Ende Oktober erscheint das "Beastie Boys Book". Mike D und Ad-Rock, die beiden noch lebenden Beastie Boys, haben alles zusammengetragen, was sich finden ließ, und breiten ihre Geschichte auf unglaublichen 592 Seiten aus. Das aber nicht nur mit den in solchen Fällen üblichen raren Fotos, sondern auch mit einem Comic, einem eigenen Stadtplan von New York, Mix-Playlists und Beiträgen von Leuten wie der Komikerin Amy Poehler, den Regisseuren Wes Anderson und Spike Jonze und dem Autor Colson Whitehead. Für weite Teile einer ganzen Generation dürfte das Thema Weihnachtsgeschenk schon jetzt geritzt sein.

© SZ vom 23.05.2018
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