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Popkolumne:Alles so mittelklassig

Die Kanonisierung des Rap läuft, die alte Punkregel - früher war sogar das Schlechte besser - stimmt weiterhin, außerdem vier Alben der Woche.

Von Jens-Christian Rabe

Auch beim Hören des neuen, zwölften Albums "The Deconstruction" (E Works Records) des amerikanischen Sängers und Songwriters Mark Oliver Everett alias Eeels wird man den Eindruck nicht los, dass der Mann das produktivste One-Hit-Wonder der Indiepop-Geschichte ist. Berühmt wurde er 1997 mit der depressiven Grunge-Hymne "Novocaine For The Soul" und im Grunde klingt er noch heute so. Vielleicht ist diese gepresst-heisere Stimme einfach zu markant, um eine echte Entwicklung zuzulassen. "The Deconstruction" ist ja auch alles andere als ein schlechtes Album, es bleibt vielmehr auf hohem Niveau alles beim Alten. Und im Grunde ist das ja auch etwas: Der eine Mensch auf der Welt zu sein, der einen mit einem einzigen "Schubidubidu" am tiefsten runterziehen kann.

Man rätselt ja noch ein bisschen daran herum, was genau die ewige Bubblegum-Pop-Fürstin und Camp-Königin Kylie Minogue eigentlich im sagenumwobenen Berliner Techno-Club Berghain, wo sie vor ein paar Tagen mit Band ihr neues Album "Golden" (Warner) vorstellte, wirklich wollte. Sie ist natürlich seit jeher - wie Madonna - auch eine Schwulenikone und es waren dann ja auch alle, wie man hörte, angemessen grundlos ganz aus dem Häuschen - aber das am kommenden Freitag erscheinende neue Album ist doch noch schlapper geworden, als die erste, schon ziemlich spektakulär schlappe Single "Dancing" vermuten ließ. Saftloser Nashville-Country-Teenie-Pop statt wegweisende Beat- und Sound-Bastelein. Man hätte sich gewünscht, dass die Meisterin ein paar Mal im Berghain zu Besuch gewesen wäre, bevor sie es produzierte.

Wie steht's eigentlich um die Kanonisierung des Rap? Läuft. In der neuen Folge der großen Netflix-Interview-Serie des Late-Night-Königs im Ruhestand, David Letterman, adelte Jay-Z in seiner Funktion als Außenminister des Hip-Hop jetzt Snoop Dogg und Eminem. Snoop Dogg hätte schlicht eine großartige Stimme. Selbst wenn er nur "Eins, zwei, drei, vier" sage, denke man sofort: "Meine Güte!". Eminem wiederum habe ein grandioses Gefühl für Reime und Synkopierung: "Seine Stimme ist fast selbst ein Schlaginstrument."

Alte Punkkregel: Früher war sogar das Schlechte besser. Viv Albertine, Gitarristin der legendären Frauen-Punk-Band The Slits, heute Schriftstellerin, erzählte der Londoner Tageszeitung The Guardian gerade von den Siebzigern. Sie hätten damals nicht nur falsch gespielt, sondern es auch gar nicht bemerkt. Das sei aber vollkommen egal gewesen, weil: "Es war nicht der Punkt." Im Gegensatz zu heute: "Ich vermisse diese Unprofessionalität so sehr. Inzwischen hat jeder eine musikalische Ausbildung und alle beherrschen ihre Instrumente brillant und man fragt sich, warum sie überhaupt noch live auftreten. Es ist alles so wahnsinnig mittelklassig geworden."

Vielleicht hat Viv Albertine aber auch einfach nur noch nicht das neue Album "I Don't Run" (Lucky Number) der spanischen Rumpelindierock-Band Hinds gehört. Auf die schönste Weise scheinen die vier Damen darauf nämlich auch nicht allzu genau wissen zu wollen, was sie da eigentlich tun. Auf Songs wie "The Club" oder "Tester" klingt die Band wie die Strokes an ihren besten Tagen - nur viel klüger, also ohne den albernen, jungshaften Ernst und den altmodischen Größenwahn.

Der Retrogott Jack White ist selbstverständlich uneingeschränkt verehrungswürdig. Gewarnt sei trotzdem davor, ihn auch gleich als Retter der guten alten Pop-Welt zu feiern, als Digitalien noch fern war. Eine kleine Meldung ist es aber natürlich schon, dass sein neues Album "Boarding House Reach" auf dem ersten Platz der amerikanischen Album-Charts steht. In die Zählung gingen dabei nur 4,2 Millionen Album-Streams ein, aber - für heutige Verhältnisse äußerst beachtliche - 121 000 verkaufte Einheiten, wovon auch noch 27 000 Vinyl-Platten sind. In der Woche zuvor stand noch der Rapper XXXTentacion mit "?" ganz oben, dass nur rund 20 000 Mal verkauft wurde - aber 159 Millionen Mal gestreamt.

Nun, vollbärtige junge Männer, die Indiepop machen (und auch mal inbrünstig mit Kopfstimme jaulen), werden von manchen schon eine Weile eher als Plage angesehen. Die Gnade dieser Menschen wird das neue Album "How To: Friend, Love, Freefall" (Warner) der Band Rainbow Kitten Surprise nicht finden. Alle anderen werden mit Songs wie "Holy Wars" belohnt.

© SZ vom 04.04.2018

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