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Popkolumne:Alle für die Fische

Lana del Ray nutzt einen Feminismus-Streit, um ihr neues Album zu bewerben, DJ Diplo trägt jetzt Cowboyhut und macht Country und die österreichische Band "Pauls Jets" hat wieder einmalige Songtitel am Start.

So kann man ein Album auch ankündigen: Lana del Rey hat in einem Instagram-Post dem Veröffentlichungsdatum ihres neuen Albums am 5. September ein ausführliches "Fuck off!" an ihre Kritikerinnen und Kritiker vorangestellt. Die würden ihr immer wieder vorwerfen, dass sie in ihren Songs Missbrauch von Frauen verherrliche und damit dem Feminismus schade. Und das nur, weil sie darüber gesungen hätte, in Beziehungen auch mal die unterwürfige, passive Rolle einzunehmen. Sie sei nun mal eine zarte Persönlichkeit und im Feminismus müsse auch Platz für Haltungen wie ihre sein. Schließlich hätten Künstlerinnen wie Doja Cat, Ariana Grande, Cardi B und Beyoncé auch Hits, in denen es darum geht, nackt zu sein, Sex zu haben und zu betrügen. Dass Lana del Rey hier fast nur women of color erwähnte, interpretierten viele als abwertend und rassistisch. Als ob der Erfolg dieser Frauen nur auf ihrer Sexualität basiere, hieß es da zum Beispiel. Außerdem seien schwarze Frauen noch viel mehr Anfeindungen ausgesetzt als sie. Ein Punkt, den Lana del Rey in ihrer Argumentation ignoriert. Ihre Verteidigung, es handle sich hier einfach um ihre Lieblingskünstlerinnen, das hätte nichts mit Rassismus zu tun, hat die Debatte bisher nicht entspannt. In ihrem Standpunkt bleibt die sonst so auf Zartheit pochende Sängerin hart.

Am Anfang hat man den Cowboyhut noch als lächerliches Bro-Gimmick abgetan. Mittlerweile ist klar, dass es der amerikanische Produzent und DJ Diplo ernst meint: Er ist in seiner Country-Phase angekommen. Hätte man nach seinem höchst erfolgreichen EDM-Geballer mit Kumpel Skrillex nicht unbedingt erwartet. Aber Diplo wäre nicht der Hit-Macher, der er ist, wenn er nicht den Zeitgeist checkte - und der steht auf Country beziehungsweise Crossover, wie es auch der Country-Trap-Gassenhauser "Old Town Road" von Lil Nas X ist. Der Diplo-Remix des Hits ist auf dem neuen Album "Diplo Presents Thomas Wesley Chapter 1: Snake Oil" (Mad Decent) zu finden. Darauf sind Popstars wie die Jonas Brothers genauso vertreten wie etablierte Country-Stars. Der Twang wird mit Trap gepimpt, es wird über flott trabenden Elektro-Pop-Beats gesungen, gepfiffen, gefiddelt. Das alles ist super catchy und chartstauglich. Aber natürlich nicht so wegweisend wie Diplos frühe Sachen, als er den brasilianischen Baile Funk in die USA brachte. Trotzdem: Jede Art von Diversität tut dem immer noch vornehmlich weißen und konservativen Country-Genre gut. Mit Lil Nas X, Blanco Brown und dem Rapper Young Thug sind hier drei Afroamerikaner vertreten. Wie Diplo sagt: "My kind of country will unite us all."

Fans von Phoebe Bridgers kennen ihn schon von ihren Instagram-Posts: ihren Kumpel Christian Lee Hutson. Der Songwriter aus L.A. hat zuletzt Songs zu ihren fantastischen Projekten boygenius und Better Oblivion Community Center beigesteuert. Jetzt veröffentlicht er sein neues Album "Beginners" (Anti-). Produziert von Indie-Darling Bridgers höchstpersönlich. In Hutsons Texten tritt immer wieder sein subtiler Humor hervor, etwa wenn er sich und seinen besten Freund zu Schulzeiten beschreibt als "Morrissey apologists / Amateur psychologists / Serial monogamists". Und der ohnehin schon herrlich traurige Song "Unforgivable", geschrieben aus Sicht eines Schlussmachenden, wird durch die zarte Trompete noch trauriger.

Schon zu ihrem letzten Albumtitel "Alle Songs bisher" wollte man Pauls Jets aus Österreich einfach nur gratulieren. Das gilt auch für das neue Album der Band, "Highlights zum Einschlafen" (Lotterlabel). Was hier aufs erste Hören etwas wolkig und seicht wirkt, entwickelt nach und nach eine schöne, somnambule Stimmung. Das liegt an der Stimme von Sänger Paul Buschnegg, der mit seinen rätselhaften Texten in wundersame Welten entführt, wo zum Beispiel "alles für die Fische" ist. Man steht am Ende etwas ratlos vor einer Shoegaze-Wand, aber das muss ja nichts Schlechtes sein. Musikalisch bewegt sich das Album zwischen Indie-Rock, Synth-Pop und Reinhold Messner (kein Witz, es wird aus seinem Tagebuch zitiert!). Und wenn Buschnegg in einem Slow-Motion-Schieber singt, wie sein "Herzchen klopft" und er schüchtern fragt: "Möcht'st du mit mir eine Trap-Band gründen?", dann kann man gar nicht anders, als diese Band in sein Herzchen zu schließen.

Noch ein Update von der Merchandise-Front: Die amerikanische Punk-Band Devo bietet in Corona-Zeiten ihre ikonischen roten Plastikhüte mit Hygiene-Visier an. Und Karma-Bonuspunkte gehen an den Wu-Tang Clan. Die mit dem Song "Protect Ya Neck" berühmt gewordene Hip-Hop-Crew vertreibt mit "Protect Ya Hands" desinfizierendes Handgel mit Zitrusduft. Ein Teil der Erlöse geht an Obdachlosenheime in Kanada.

© SZ vom 27.05.2020

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