Popkolumne:Wie ein zuversichtliches Kamel

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Popkolumne: "Ich bin eine Insel geworden / und bereue alles!": Sängerin Rosa Anschütz.

"Ich bin eine Insel geworden / und bereue alles!": Sängerin Rosa Anschütz.

(Foto: Anna Breit)

Neue Musik von Rosa Anschütz, Alfie Templeman und "Tosca". Und die Antwort auf die Frage, wie Wiedergeburt klingt.

Von Juliane Liebert

In Gaspar Noés Hipsterhorrorfilm "Climax" erzählt eine junge Frau anfangs, sie sei aus Berlin weggegangen, um dem ständigen Exzess in der Kunstszene zu entkommen. Ihr ehemaliger Mitbewohner habe sich sogar LSD in die Augen geträufelt. Am Ende deutet es alles darauf hin, dass sie auf einer Party die Sangria mit halluzinogenen Drogen versetzt und damit einen mörderischen kollektiven Rausch ausgelöst hat.

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(Foto: Label)

Von Rosa Anschütz erfahren wir, sie habe Berlin auch deshalb Richtung Wien verlassen, weil sie erkannte, dass die Club-Höhepunkte, in denen sich alles aufzulösen scheint, auch gefährlich werden können. Auf ihrem analogdüsteren Debüt von 2020 sang Anschütz "Losing control / can I trust anyone?" Ja, das ist die entscheidende Frage. Niemand weiß es. Vielleicht also am besten gar nicht ausgehen und stattdessen gute Kopfhörer kaufen. Für "Goldener Strom" (Bpitch/Rough Trade), ihr neues Album, lohnt sich die Investition auf jeden Fall. Als Pop-Einsiedler kann man auch aus voller Kehle beim Titeltrack mitsingen: "Ich bin eine Insel geworden / und bereue alles!" Eine Computergrille zirpt dazu. Die Bassdrum hackt auf der Insel rum. "Kannst du mich ersetzen?" Fanfaren, mattgolden wie der besungene Strom, feiern den Refrain. Es klappert und zittert an den Rändern des Klangbilds. Drei Minuten dauert das Rafting durchs "dicke Wasser" - die magische Länge eines Hits.

Bei verschatteten Frauenstimmen mit deutschem Akzent spuckt das assoziationstourettige Hirn ja sofort den Namen Nico aus. Dabei ist Anschütz in deutlich wilderen Wassern unterwegs. Immer wieder treibt der Beat, melancholische Synth-Landschaften füllen sich plötzlich mit Licht. Der Gesang erwärmt sich. Wenn das hier Wave ist, dann jedenfalls nicht nur solcher von der darken Sorte. Im goldenen Strom pulst einiges an Leben. Folgt Rosa Anschütz ihm weiterhin, könnte er sie an die exklusiven Strände des Pop spülen.

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(Foto: Label)

Alfie Templeman scheint dort schon seine Martinis zu schlürfen. So funky und von Echobrisen erfrischt präsentiert sich sein Debüt. Die ersten Takte von "Mellow Moon" (Chess Club/Rough Trade) würden fast als Score für ein Heist-Movie von Steven Soderbergh durchgehen. Cleane E-Gitarren, Plattenknistern, eine falsettaffine, jugendliche Verführerstimme. Tja, der Junge ist gerade erst neunzehn geworden. Und dafür klingt seine Melange aus allerhand groovy Tradition, souliger Opulenz und einer ordentlichen Dosis buntem Kaugummipop schon sehr durchdacht. Alfie faltet Berge ("Folding Mountains"), kennt sich mit Zuckerwatte ("Candyfloss") aus, aber versteht auch was von dreidimensionalen Gefühlen ("3D Feelings"). Vor allem Letzteres ist ja doch sehr beruhigend. Bei diesen Jünglingen, die zum Chartruhm streben, weiß man ja nie. Manchmal wird ihr Pop auf dem Weg so mattscheibenflach, dass er sich einfach nicht mehr so recht lieben lässt. Die Gefahr besteht auf "Mellow Moon" noch nicht, auch wenn es vielleicht ein paar Tracks zu lang geraten ist. Immerhin bleibt es durchweg in bester Tanzlaune. Was in diesen Zeiten an sich ja schon einiges wert ist. Der Sommerurlaub kann kommen!

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(Foto: Label)

Österreich ist immer eine Reise wert. Nicht nur, um Transkünste aller Art zu studieren, wie es Rosa Anschütz getan hat, sondern auch wegen der Mehlspeisen. Oder des Traditions-Electro von Profihand. Tosca klingt zwar nach italienischer Oper, ist aber so austrianisch wie die Monarchie. Schon seit den 90ern machen Richard Dorfmeister und Rupert Huber unter dem Projektnamen Musik. Ja, jener Dorfmeister von Kruder und Dorfmeister, denen immer wieder nicht ganz unberechtigte Easy-Listening-Vorwürfe gemacht werden, die aber andererseits ein paar richtig gute Remixe produzieren. Zum Beispiel jenen zu Depeche Modes "Useless". Auch Toscas neues Werk ist weder Verismo noch atonaler Mathtechno, sondern vom Gedanken der Wiedergeburt erfüllt. Die Rezensentin kennt sich damit nicht aus, aber es scheint ein im Großen und Ganzen recht freundlicher und fließender Gedanke zu sein.

So wiegen die Tosca-Tracks wie ein zuversichtliches Kamel durch unsere hitzigen Zeiten. Zwischendurch brabbeln ein paar Human-Samples vor sich hin. Aber was sie sagen, ist nicht weiter wichtig. Hauptsache, es spricht mal jemand auf der "Troststrasse". Manchmal lickt sogar eine Gitarre wie aus der Frühphase des Krautrocks an den überaus moderaten Beats. "Osam" (!K7/Indigo) ist ein Album wie ein Transatlantikflug ohne allzu viele Turbulenzen. Wenn sich Seelenwanderung so anfühlt, muss man keine allzu große Angst vor ihr haben. Nur aufpassen, dass man dabei nicht einschläft. So wie im Sommerurlaub eben, ob in den Bergen oder am Strand. Sonnenstichgefahr!

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