Pop Zucker über einer Selbstsuche

Fünf Australier machen in Berlin französisch inspirierten Pop: Die Band "Parcels" veröffentlicht ihr unwiderstehliches erstes Album, eine große Siebzigerjahre-Party.

Von Simon Rayss

Anfang 2016 spielen Parcels ihr erstes Konzert in Paris. Der Kellerclub Les Bains ist voll. Unter den Zuschauer: das Produzenten-Duo Daft Punk. Den beiden Franzosen gefällt, was sie hören. Nach dem Gig gehen sie hinter die Bühne und laden die Band zu einer Aufnahmesession in ihr Studio ein. Sieben Tage und Nächte bringen Parcels dort zu, dann ein halbes Jahr Wartezeit. Das Ergebnis: ein Song, die Single "Overnight" - musikalischer Perfektionismus muss eben nicht anspruchsvoll klingen. Ecken und Kanten sind nirgendwo in Hörweite, das ist auch auf dem selbstbetitelten Debüt von Parcels so. Die Songs kriechen umstandslos in die Ohrmuschel. Das Großhirn macht gleich dicht angesichts von so viel Wohlfühlplüsch, doch da ist es schon zu spät: Der Kopf nickt, und die Beine zucken zum fluffig federnden Beat.

Ihre Langspielplatte haben die Musiker im Alleingang produziert, aber sie schließt genau dort an, wo die Kollaboration mit Daft Punk aufgehört hat: Parcels machen es sich gemütlich in der Retrofalle. Beim Hören erscheinen bunte Kurzärmelhemden vor dem inneren Auge, enge Hosen, unten mit Schlag. Die jungen Musiker - alle Anfang zwanzig - stehen am Bug ihrer Yacht und lassen sich den Seewind durch die langen Haare wehen.

Im Kontrast zum Luxus, in dem die Musik schwelgt, haben die Bandmitglieder noch vor nicht allzu langer Zeit zu fünft in einem kleinen Apartment in Berlin gehaust. Drei von ihnen schliefen in einem Bett. Wie die Australier, die sich schon aus Schulzeiten kennen, in die deutsche Hauptstadt gekommen sind? Sie haben einfach gehört, dass dort viel Musik gemacht wird und das Leben nicht allzu viel kostet. Beim Blick auf die Karte stellten sie auch noch fest: Die Stadt liegt ja mitten in Europa. Da ist es nicht weit nach Frankreich, wo das Elektronik-Label Kitsuné Parcels unter Vertrag genommen hat. Nun kurbelt die Plattenfirma von Bands wie Hot Chip und Two Door Cinema Club ordentlich an der Hype-Maschine. Bislang mit Erfolg: Einige Auftritte der anstehenden Tour sind schon ausverkauft gewesen, als ein komplettes Album der Gruppe noch gar nicht in den Läden stand.

Die fünf Musiker von Parcels sehen aus wie ausgeschnitten aus einem Vintage-Plattencover und hören sich auch so an: als hätten sich die Siebziger-Fleetwood Mac zusammen mit Steely Dan in die Disco verirrt. Doch ins zugängliche Klang-Amalgam sind aktuelle Bezüge untergerührt, vor allem französische: zum Beispiel die polierten Sound-Oberflächen von besagten Daft Punk und das Kennertum der Indie-Popper von Phoenix, das bei Parcels mit weit weniger Ironie auskommt.

Aus diesen Zutaten kredenzen sie ihren pop-gewordenen Hedonismus: Hauptsache, wohlfühlen. "Tieduprightnow" federt lässig um einen Refrain, für den das Attribut "catchy" noch eine Untertreibung ist. Immer wieder schiebt sich Gitarren-Gelicke vom Siebziger-Porno-Soundtrack direkt hinein ins softe Klangsoufflé - überzuckert, nicht gerade vollwertig, aber doch lecker. Die Band gönnt sich auch gerne mal längere Akustikstrecken: Der Achtminüter "Everyroad" schwillt an und ab, brummt zwischendurch ein bisschen housig. Background-Frauen jubeln wortfrei, dazu gesampelte Gesprächsfetzen, bevor nach drei Vierteln Laufzeit der eigentliche Gesang einsetzt.

Weil die Leertaste auf dem Band-Laptop eine Weile lang geklemmt hat, verzichten sie jetzt ganz auf Leerzeichen in ihren Songtiteln, die schwerer zu entschlüsseln sind als die Stücke selbst. Wie am Computer zusammengesetzt kommt der Sound jedoch nicht daher. Jedes Detail sitzt da, wo es sitzen muss: Gebimmel, Meeresrauschen, Beach Boys-Harmoniegesang. Illustration einer Selbstsuche soll das Album sein. Daft Punk jedenfalls werden künftig nicht mehr in einen Kellerclub hinabsteigen müssen, wenn sie die Band mal wieder hören wollen.