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Pop:Zirpen, strahlen, reizen

Am Ende bringt die Kölner Avantgarde-Soft-Pop-Band "Von Spar" auf ihrem neuen Album "Under Pressure" sogar das Kunststück fertig, dass eine jaulende Classic-Rock-Angeber-Gitarre im Stile Van Halens kein Verbrechen ist, sondern eine feine Frechheit.

Das Debüt der Kölner Band Von Spar trug 2004 den schönen Titel "Die uneingeschränkte Freiheit der privaten Initiative". Das klang wie eine Verbeugung vor dem rebellischen Punk-Gestus der Goldenen Zitronen - und das war es auch: ultrazackig angeschrägter Post- und Elektro-Punk und hysterische Quengeleien des damaligen Sängers Thomas Mahmoud, der in Songs wie "Ist das noch populär?" immer ganz kurz vor dem Nervenzusammenbruch zu stehen schien. Alles war schrill, nervös und widerborstig und damit ein Kontrapunkt zu dem, was die folgenden Veröffentlichungen der Band auszeichnete: Atmosphäre, Weite, Ruhe, Groove und Transzendenz.

Bereits auf ihrem zweiten, unbetitelten Album lösten sich Von Spar in zwanzigminütigen Songs vom Punk. "Foreigner" war 2010 dann, meist instrumental, ein kosmisch verzirptes Destillat zwischen erhaben suppenden Synthie-Arpeggios und endlosen Krautrock-Schleifen im Stile Cans (deren Meisterwerk "Ege Bamyasi" Von Spar später übrigens mit dem Pavement-Sänger Stephen Malkmus aufführten). "Streetlife" war 2014 schließlich Avantgarde-Soft-Pop, mit Gästen wie dem kanadischen Sänger Chris Cummings alias Marker Starling oder der britischen Songwriterin Scout Niblett. Disco-Bassläufe, funkige Gitarrenstakkati, süße Konservenstreicher, ein Saxofonsolo oder ein treibendes House-Piano zu einem strammen Beat - all das passte auf "Streetlife" ganz organisch zum Synthie-Futurismus und pulsierenden Krautrock des Quartetts.

Experten für kosmisch verzirpte Pop-Destillate: Christopher Marquez, Sebastian Blume, Philip Tielsch und Jan Philipp Janzen sind "Von Spar".

(Foto: Bureau B)

Dass zwischen "Streetlife" und dem neuen Von-Spar-Album "Under Pressure" (Bureau B) wieder fünf Jahre vergingen, lässt sich auch auf diesen Tüftler-Ansatz der Band zurückführen. Man sei eben kein künstliches Popprodukt und so etwas wie Fans mit einer Erwartungshaltung habe man auch nicht, sagt Gitarrist Philipp Tielsch. "Nur Leute, die sich unsere Musik gerne anhören", die gebe es schon. Entsprechend genüsslich kosten die vier Sound-Nerds, die sonst als Produzenten, Dozenten, Kuratoren oder Studiomusiker arbeiten, den fehlenden Zeit- und Erwartungsdruck aus. Ist doch der hohe Anspruch, dem sie als Perfektionisten in ihrem bandeigenen Dumbo-Studio gerecht werden wollen, stets ihr eigener.

Gelohnt hat sich die lange Wartezeit für all jene, die sich diese Musik gerne anhören, auf jeden Fall. Benannt nach einem Song, den David Bowie einst mit Queen einspielte, und der die aktuelle Weltlage in zwei Worte packt, schließt "Under Pressure" sowohl mit seinem Konzept als auch mit seinen Pop-Reizen an "Streetlife" an. Abermals brillieren Von Spar in der Kunst, Altbekanntes neu zu verbauen. Und abermals verleiht Chris Cummings dem Gros der Songs mit seinem Gesang eine eher milde Stimmungslage.

So führen Von Spar mit der zweiteiligen Suite "A Dream" von trockener Jaki-Liebezeit-Gedenk-Trommelei über strahlende Synthies hinüber in melancholische Disco-Gefilde; brechen zusammen mit der Stereolab-Sängerin Laetitia Sadier das Immer-Weiter des Krautrock im luftig kreiselnden "Extend The Song" auf vier Minuten herunter; oder gönnen sich im finalen Prog-Rock-Song "Mont Ventoux" gegen Ende auch mal eine jaulende Classic-Rock-Gitarre im Van-Halen-Stil. So viel Freiheit muss schon sein.