Pop:Wir sagen Ja

Lesezeit: 4 min

Pop: Gas und Spaß: Markus Mörl alias Markus 1988 in der ARD.

Gas und Spaß: Markus Mörl alias Markus 1988 in der ARD.

(Foto: imago)

War die Neue Deutsche Welle einer der Höhepunkte der deutschsprachigen Musik? Oder doch ihr ultimativer Tiefpunkt? Eine neue CD-Compilation zeigt Glanz und Elend der deutschen Popkulturgeschichte.

Von Klaus Walter

"Nach Nerven-Krankheit gibt NDW-Markus wieder Gas." - so lautete in einem Gratisblatt kürzlich die Schlagzeile. Wie Nena Kerner machte auch Markus Mörl zur Zeit der Neuen Deutschen Welle ohne Nachnamen Karriere. Anders als Nena hat Markus in der öffentlichen Wahrnehmung als NDW-Star aber lebenslänglich bekommen. Nena emanzipiert sich bald und ist längst einfach nur eine Größe des deutschen Pop - wie Rammstein, Helene Fischer oder die Toten Hosen. Markus Mörl bleibt auf ewig der NDW-Markus. Und das Gas wird er auch nicht los.

"Gib' Gas ich will Spaß" forderte der Frankfurter Sänger 1982 in seinem größten Hit, der auch politischen Konfliktstoff bot. Gleich an zwei Fronten zeigte Markus den habituellen Bedenkenträgern im linksgrünen Nach-68er-Milieu den Mittelfinger, ohne das ausdrücklich zu wollen. 1982, auf dem Höhepunkt der Anti-AKW-Bewegung, ist der Aufruf zum automobilen Genuss ohne Reue ein Affront gegen die ökologisch gestimmte BRD-Jugend.

Beim Wort Gas dachten viele im Öko-Pax-Milieu aber auch sofort an Auschwitz. Die Bedenkenträger aus den grünen Gründerjahren sind also gewissermaßen die original Spaßbremsen, um es im Jargon derjenigen Deutschen zu sagen, die sich heute mit AfD und Sarrazin vor allem als Opfer sehen: entmündigt von der Diktatur der politisch Korrekten, umstellt von Spielverderbern und Gutmenschen, enerviert vom Genderwahn, überwacht von der linken Sprachpolizei.

So trostlos das Spaß- und Politikverständnis dieser Opferdeutschen allerdings heute ist, damals, 1982, taugt "Gib' Gas..." zum Befreiungsschlag, für eine historische Viertelstunde. Der Schlag ins Gesicht einer saturierten Post-Hippie-Linken, die auf dem langen Spaziergang durch die Institutionen ihre revolutionäre Energie verloren hatte. Statt Umsturz wird wertige Ernährung, umweltschonende Landwirtschaft und saubere Energie diskutiert, und, gezeichnet vom Druck einer selbstauferlegten Verantwortungsethik, an alternativen Lebensstilen laboriert.

Gegen solche Leute war Punk erfunden worden und solche Leute durften sich angegriffen fühlen von Markus' Gas-Spaß. In den Achtzigern ist es tatsächlich eine Zeitlang politisch korrekt, politisch unkorrekt zu sein, um einer Linken, die sich anschickt, in Gestalt der Grünen politische Verantwortung für freudloses Leben zu übernehmen, eine popistische, postmoderne Neue Linke entgegenzusetzen. Das Abgrenzugspotential von Punk und New Wave kommt gerade recht, um dem linksgrünen Establishment auf die eingeschlafenen Füße zu treten mit einem Ja zur modernen Welt. "Wir sagen Ja zur modernen Welt" - der Refrain eines frühen Songs der Münchner Band Freiwillige Selbstkontrolle (F.S.K.). Wenn das Nein zur modernen Welt zur konformistischen Routine erstarrt, dann sagen wir Nein zu diesem Nein. Also Ja.

Wie Markus sind F.S.K. auf der neuen CD-Anthologie "Aus Grauer Städte Mauern - Die Neue Deutsche Welle 1977 - 85" (Bear Family Records) vertreten, stehen dort jedoch für den anderen Pol der Bewegung. "Ich unterscheide zwischen Neuer Deutscher Welle und NDW", sagt Andreas Dorau, der mit "Fred vom Jupiter" damals selbst einen Hit hatte, im Begleittext: "Im Oktober 1979 wurde der Begriff dem Musikjournalisten und späteren Zick Zack-Labelchef Alfred Hilsberg in einer wegweisenden Artikelserie von der Sounds-Redaktion gegen seinen Willen vor die Nase gesetzt: ,Neue Deutsche Welle - Aus Grauer Städte Mauern.'"

Dank Hilsberg und Sounds macht der Begriff Neue Deutsche Welle schnell die Runde, die damals noch mächtige Musikindustrie wird hellhörig, investiert nach dem Gießkannenprinzip in alles, was deutsch singt und irgendwie schrill daherkommt und setzt so die INDW (Industrielle Neue Deutsche Welle) in Gang. Oder, mit Andreas Dorau: "Später nannte man es NDW und dazu gehörten Markus, Hubert Kah und so was, damit hatte ich nie etwas zu tun. Neue Deutsche Welle war experimentelle deutschsprachige Musik."

Musik also von Malaria!, Frieder Butzmann, Palais Schaumburg oder Alexander von Borsig, die nicht viel verloren hat vom erratischen Reiz ihres JA zur modernen Welt. Die Pioniere experimenteller deutschsprachiger Musik stehen auf diesem Doppel-Album Seite an Seite mit Dialektrockern (etwa Relax mit "Weil I di moag"), Klemmchauvinisten (Spider Murphy Gang: "Skandal im Sperrbezirk") und Vorläufern heutiger Comedy-Tristesse (Erste Allgemeine Verunsicherung: "Ba-Ba-Banküberfall"). Glanz und Elend der Neuen Deutschen Wellen liegen also dicht beieinander, und die Compilation dokumentiert diese Nähe gnadenlos. Wer hört schon freiwillig FSK und Markus?

FSK waren Teil der ONDW (Original Neue Deutsche Welle) - und sind es im Grunde bis heute. Markus ist ein Protagonist der INDW (Industrielle Neuen Deutsche Welle). Die Bandmitglieder von FSK sind im Kulturbetrieb angekommen (arbeiten längst für die HFBK Hamburg, den Kunstverein Wolfsburg, Suhrkamp und den Bayerischen Rundfunk), Markus gibt nach Nerven-Krankheit wieder Gas, bei der "Original Schlager Party" in Egelsbach zwischen Frankfurt und Darmstadt.

33 Jahre danach entwickeln sich die Dinge so zur Kenntlichkeit: Markus hatte seine Viertelstunde Ruhm, danach schlägt der Fun wieder um ins Stahlbad. Heute wissen wir, was Markus selbst damals nicht wissen konnte. Er singt 1982 das Loblied der Deregulierung, er feiert die Freiheit freier Bürger: Gas geben, Spaß haben, das Menschenrecht des neoliberalen Subjekts. "Aus Grauer Städte Mauern" ist also zweierlei: Erstens eine letztlich fast unhörbare Doppel-CD. Zweitens ein faszinierendes Dokument der Ungleichzeitigkeit, die um 1980 gerade besonders ausgeprägt war. Und damit eine Fundgrube für die Rubrik "Was ist eigentlich geworden aus?" Was ist eigentlich geworden aus ZK? "Tip von Twinky" heißt der Song der Düsseldorfer Band hier, eine Art polizeikritischer Flüster-Dub. Der Flüsterer ist der Mann, den wir heute als Campino von den Toten Hosen kennen, deren Hit "Tage wie diese" heute die CDU liebt. List der Geschichte.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB