bedeckt München
vgwortpixel

Pop:Es gibt in dieser Form des R&B keinen Gegensatz zwischen Elektronik und Erotik

Dass "Take Me Apart" von Kelela nun genau auf diesem Label erscheint, ist fast schon lustig. Denn wenn man die 34-Jährige trifft, um über ihr Album zu sprechen, kann man sich mit ihr sehr ausführlich über die andere Geschichte der elektronischen Musik unterhalten: über elektronischen Rhythm & Blues. Der ist eine afroamerikanische Erfindung und wird in der Historiografie der elektronischen Musik gern übergangen. Kelela schwärmt davon, wie schon Stevie Wonder Synthesizer und frühe digitale Sampling-Technologie einsetzte, etwa auf seinem Album "Journey Through The Secret Life Of Plants" (1979). "Unglaublich" findet sie das, weil es eben in den Siebzigerjahren war. Ähnlich Prince: "Wie er die Rhythmen der frühen Drum-Computer, zum Beispiel der LinnDrum, und schräge Synthie-Sounds mit traditionellen Gospel- und Jazz-Harmonien in Dialog gebracht hat - unfassbar!" Besonders wichtig für sie ist die Zusammenarbeit zwischen Janet Jackson und dem Produktions-Duo Jimmy Jam & Terry Lewis aus Minneapolis, insbesondere Jacksons Maschinen-Funk-Konzept-Album "Rhythm Nation 1814" von 1989. "Ohne 'Rhythm Nation' wäre ich nichts".

Was hat das mit der Behauptung zu tun, elektronischer R & B sei die zeitgenössischste Musik, die man gerade hören könne? Wenn einige der wichtigsten Fragen unserer Zeit die danach sind, woraus der nicht algorithmisierbare Rest des Menschlichen besteht, und ob die künftige Beziehung des Digitalen zum Menschen als Feindschaft erzählt werden muss, dann ist elektronischer R & B - in dessen Tradition Kelela eindeutig steht - ein Beispiel dafür, wie friedliche Gemeinschaft und gegenseitige Ergänzung funktionieren. Es gibt in dieser Musik keinen Gegensatz zwischen Elektronik und Emotion und Erotik. Es geht um Verschmelzung, um Intimität mit und durch Algorithmen. Mit anderen Worten: Das, was man Seele nennt, oder Soul, ist in elektronischem R & B immer schon da - auch und gerade im Synthetischen.

Popkolumne Monogamie als Utopie
Popkolumne

Monogamie als Utopie

Die interessantesten Pop-Ereignisse der Woche. Diesmal mit den Rapperinnen Cardi B und Ace Tee, einer Kompilation des Frankfurter House-Labels Running Back, Jordan Rakei und der Frage, wie man im Pop den Rechtsruck subtil kritisiert.   Von Jan Kedves

Es ist ein seltsamer Zufall, dass die Veröffentlichung von "Take Me Apart" nun genau in den Hype um den Film "Blade Runner 2049" hineinfällt, in dem es um ganz ähnliche Fragen geht. An einer Stelle des Films wird gemutmaßt, ob Liebe vielleicht nichts anderes sei als mathematische Präzision. An anderer Stelle sagt eine Figur zum von Ryan Gosling gespielten Replikanten, der, wenn er aus der Ferne eine Melodie hört, diese mit sentimentalem Blick auf dem Klavier nachspielt: "Bislang bist du ganz gut ohne Seele zurechtgekommen, oder nicht?" Mit anderen Worten: Offiziell mag dir die Seele abgesprochen werden, aber du hast natürlich trotzdem eine, woher auch immer die gekommen sein mag. Träumen Androiden von elektronischen Beats? Und: Hätte nicht Kelela den Titelsong zu "Blade Runner 2049" singen müssen?

Sie beschreibt elektronische Musik als eine Heimat ohne Sexismus und Rassismus

Letzteres auf jeden Fall. Denn so wie "Blade Runner 2049" eine Emanzipationsgeschichte ist (der künstlichen gegenüber der natürlichen Intelligenz), so geht es letztlich auch bei Kelela um Emanzipation. "Meine Heimat, die Vereinigten Staaten, sind kein Ort, der darauf ausgelegt ist, dass sich jemand wie ich - eine schwarze Frau, Tochter äthiopischer Einwanderer - in ihm wohlfühlt". Sie beschreibt elektronische Musik als Ort, den sie für sich selbst gefunden habe, eine Heimat. Sie könne sich diese Heimat so bauen, wie sie es wolle, ohne Rassismus, ohne Sexismus. Zwar produziert Kelela ihre Songs nicht allein, sie hat für ihr Album unter anderem mit Romy Madley Croft vom britischen Trio The xx zusammengearbeitet. Aber Kelela hatte in allen kreativen Entscheidungen das letzte Wort.

Es geht also um Selbstbehauptung, oder pathetischer: um Subjektwerdung durch Synthesizer. Ähnlich wie bei der eingangs erwähnten Abra, die ihren bürgerlichen Namen und ihr Alter nicht verrät, so als wolle sie betonen, dass sie erst durch ihr elektronisches Musikprojekt zu sich gefunden habe. In "Feel", dem ersten Song auf ihrem soeben auf Vinyl wiederveröffentlichten Debütalbum "Rose" (Ninja Tune) singt sie über einem spärlichen Beat: "All I ever wanted / And all I ever need / Is a beat and a hum / That can make me feel / Human" - alles was ich brauche, um mich als Mensch zu fühlen, ist ein elektronischer Beat, und eine gesummte Melodie. Das Henne-Ei-Problem, nur diesmal auf anderem Feld. Und ganz ohne Problem.

Reden wir über Geld "Sonst krieg ich einen in die Fresse"

Reden wir über Geld mit Prinz Pi

"Sonst krieg ich einen in die Fresse"

Der Rapper Friedrich Kautz alias Prinz Pi hat Verständnis für den Materialismus vieler Kollegen, zieht selbst aber Bücher vor. Um mit seiner Depression zurecht zu kommen, schreibt er sein Leben in Musik - und boxt.   Interview von Tahir Chaudhry und Martin Lechtape