bedeckt München 22°
vgwortpixel

Pop:Vom Mikro getrennt

'Söhne Mannheims' Xavier Naidoo

„Da habe ich natürlich gewusst, ich brauche den Skandal.“ Bei Xavier Naidoo ist Trotz herauszuhören.

(Foto: dpa)

Mit "Hin und weg" hat Xavier Naidoo ein Virilitäts- und Familien­gründungs-Album veröffentlicht. Es bietet Ermüdung und Langeweile.

Interessiert es irgendjemanden, noch einmal detailliert erzählt zu bekommen, wann Xavier Naidoo die falsche Abzweigung nahm und in bedenklicher Nähe zu Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern und spirituell Vollverstrahlten ankam? Wohl kaum. Die Meinungen sind gebildet. Auf der einen Seite sind diejenigen, die nicht verstehen, warum man diesen Soulsänger nicht einfach einen Soulsänger sein lassen kann.

Na gut, er sagt komische Dinge - wie etwa, dass Mannheim bis heute amerikanisch besetzte Zone sei, oder Deutschland von sich selbst befreit werden müsse. Das findet man im schlimmsten Fall gut, oder mutig, oder man sagt, die künstlerische Freiheit erlaube so etwas doch. Deswegen müsse man doch nicht, wie Ende 2015 geschehen, gleich von der Teilnahme am Eurovision Song Contest ausgeschlossen werden.

Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die sich sicherheitshalber noch einmal vergewissern, was für ein Wahnsinn diesen Mann umtreibt. Da gibt es auf Youtube zum Beispiel das Video "Marionetten - Das Interview der Aufklärung", entstanden 2017. Naidoo spricht darin als Gast im libertären Internet-TV Sons of Libertas mit Oliver Janich, dem Autor des Buchs "Das Kapitalismus-Komplott".

Janich ist selbsterklärter Experte im Durchschauen aller "Strippenzieher hinter den Kulissen der Macht" und fantasiert hier zusammen mit dem 1971 als Xavier Kurt Naidoo geborenen Sänger vierzig Minuten lang darüber, wie sich die Lügen der Regierung enttarnen ließen, wenn man die Kräfte der "Wahrheitsbewegung", des Libertarismus und aller spirituell Suchenden (dezidiert nicht Katholen und Evangelen) unter dem Banner der Nächstenliebe bündeln könnte.

Das ist, man kann es nicht anders sagen: heftig. Interessant ist das Video auch deswegen, weil Naidoo darin erzählt, wie er seine Provokationen strategisch plane, um "die Decke zu durchstoßen" - womit er wohl das angebliche Meinungsdiktat der Medien meint. Mit quasi diebischer Freude beobachte er dann, wie die Medien in seine Falle tappen. So geschehen etwa 2012, als er in seinem Song "Wo sind sie jetzt" Homosexualität mit Pädophilie gleichsetzte. Der Skandal war riesig. Alles gar nicht so gemeint, behauptet Naidoo, aber: "Da habe ich natürlich gewusst, ich brauche den Skandal."

"Ich sah deine Haare leuchten / die Spitze deiner Zunge deine Lippen befeuchten"

So gesehen ist es also gut möglich, dass man Naidoo auch mit diesem Text über sein neues Album gleich in die Falle tappt. "Hin und weg" (Sony Music) will nämlich augenscheinlich gar nichts anderes sein als ein hübsch souliges, stinklangweiliges Schlager-R&B-Album mit überwiegend deutschen, kaum provokanten Duseltexten. Man könnte, gäbe es keinen Aluhut- und Anti-Demokratie-Verdacht, nur wenige Zeilen darüber schreiben. Aber das Misstrauen hat sich tief in Hirn und Herz gefressen. Weswegen man mit spitzesten Ohren zuhört und jeden Reim auf die ideologische Goldwaage legt.

Mit wenig Ertrag. Da ist ein Song wie "Anmut". In ihm besingt Naidoo zu einem spärlichen Neunzigerjahre-R&B-Groove die Grazie einer Frau, die eine Krone trägt. Er tritt in ihr Leben "wie in eine Kathedrale". Auch abseits der leicht schiefen Metapher bleibt der Eindruck: Naidoo will offenbar wirklich nur die Macht der Liebe besingen. Die Beats schunkeln, und ein Rapper namens Klotz aus Mannheim steuert italienische Reime bei. Wer sie in den Google-Übersetzer kopiert, erfährt: "Ohne dich werde ich verrückt."

Da ist auch ein Song wie "Aufgeregt", auch in dem geht es um eine Frau. Naidoo steht sehr auf sie. "Ich sah deine Haare leuchten / die Spitze deiner Zunge deine Lippen befeuchten / Der Rest sprengt nicht meine Vorstellungskraft / aber ist nicht jugendfrei, so werden Babys gemacht." Das ist keine große Reimkunst, aber die Synthie-Akkorde sind ganz hübsch hingetupft. Die Beziehung ist auf gutem Weg: "Wer weiß, was heute noch entsteht, ein erster Samen ist gesät."

So gesehen ist "Hin und weg" also ein Virilitäts- und Familiengründungs-Album, voller Treueschwüre und Anrufungen Gottes und voller Momente, in denen man erst meint, man könnte etwas herausgehört haben. Es sind die interessantesten Momente des gesamten Albums. Aber dann überlegt man, ob die Wörtchen "links" oder "rechts" hier oder dort wirklich politisch-metaphorisch gemeint sind, und kommt zu dem Schluss: falscher Alarm. Der Mann, dem man nicht mehr traut, weil er die wirrsten Ansichten vertritt, will Vertrauen zurückgewinnen, indem er über die Dinge singt, die am meisten Vertrauen erfordern: Liebe und Sex.

Das funktioniert nicht. Es bleiben nur Ermüdung und Langeweile.

Wer politische Wirren sucht, könnte einzig im Eröffnungsstück "Alle meine Sinne" fündig werden. Da ist zum einen ein gewisser Trotz herauszuhören. Und die Kombination der Zeilen "Hier ist etwas Furchtbares passiert" und "Wenn du hier bleibst, wirst du mich verlieren" verleitet zu Überlegungen wie: Wo ist hier, und wer ist du? Deutschland? Merkel muss weg, sonst geht Xavier? Falls hier die Hundepfeife schrillt, wäre "Alle meine Sinne" eine Gesinnungs-Emo-Hymne für Reichsbürger - und man könnte mit Tocotronic antworten: Aber hier leben, nein danke.

Also noch ein schneller Blick aufs Cover. "Hin und weg" steht drauf, aber eigentlich geht es ums Rauf und Runter. Man sieht einen Paternoster, implizit also: Vaterunser. Der Aufzug ist aus Holz, Vintage, gediegen, früher war alles schöner. Falls es stimmt, dass die allermeisten Paternoster auf der linken Seite nach oben fahren und auf der rechten Seite nach unten, fährt Naidoo hier links ins Oberstübchen, während auf der anderen Seite, rechts, sein Vintage-Röhrenmikrofon in den Keller fährt, ohne ihn. Naidoo und sein Mikro sind voneinander getrennt.

Was höchstens noch die Frage aufwirft, ob er auf diesem Album überhaupt dazu gekommen ist, in das Mikro das hineinzusingen, was er möglicherweise am allerliebsten gesungen hätte