Pop Unwiderstehlich elastisch

"Oxnard" heißt das neue Album des amerikanischen R'n'B-Zauberers Anderson Paak mit dem kratzigen Timbre.

Von Jan Jekal

In der auch auf Youtube abrufbaren Reihe "Tiny Desk Concerts" des öffentlich-rechtlichen amerikanischen Radiosenders NPR treten Musiker, die sonst große Bühnen gewohnt sind, in einer kleinen, mit Bücherregalen gesäumten Großraum-Büronische auf. Sie arrangieren ihre Lieder für den Anlass neu, minimalistischer, steigen auf akustische Instrumente um oder halten zumindest die Lautstärke niedrig.

Der amerikanische Soul- und Hip-Hop-Musiker Anderson Paak gab im Spätsommer 2016 sein Tiny Desk Concert. Bevor ein Video seines Auftritts veröffentlicht wurde, galt er als vielversprechendes Talent. Er hatte schon zwei Alben veröffentlicht, das damals jüngste, "Malibu", war sehr positiv aufgenommen, hier und da sogar gefeiert worden. Die Pop-Bescheidwisser wussten Bescheid. Nach dem Video war er jedoch ein Star. Bis heute wurde es über 26 Millionen Mal angesehen.

Sein Schlagzeug besteht im Büro nur aus drei Trommeln (über der Snare liegt ein dämpfendes Tuch) und zwei Becken. Der Auftakt ist ein heiserer Ruf: "Y'all niggers got me hot!" Dann singt und rappt Anderson Paak unwiderstehlich elastisch und doch ganz tiefenentspannt, mit diesem typisch kratzigen Timbre, breit lächelnd, sachte nickend, der letzte Joint liegt nicht weit zurück. Er ist vollkommen eins mit seiner grandiosen Stolperfunk-Band Band, den Free Nationals.

Die Lässigkeit Anderson Paaks erreicht im Moment allenfalls noch das Rap-Genie Kendrick Lamar

"Oxnard" (Warner), Paaks neues Album, ist nun eine Sammlung von Songs, die er für die Tiny-Desk-Reihe sehr aufwendig umarrangieren müsste. "Malibu" war noch vor allem zu Hause eingespielt worden. "Oxnard" entstand im neuen High-End-Studio seines Mentors André Young alias Dr. Dre, dem Star-Produzenten und Talent-Scout, der Eminem und Kendrick Lamar entdeckte. Letzterer hat auf dem Album übrigens einen Gastauftritt. Dr. Dre hat "Oxnard" auch gemischt, und es zeugt von immenser Kunstfertigkeit, diese Menge an Soundspuren so ordnen zu können.

Man höre nur den Auftaktsong "The Chase": Er beginnt mit einer Frauenstimme und sacht aneinander schlagenden Klangstäben, einem sanften Bass, einer fernen E-Gitarre; alles klingt so, wie in Filmen ein angenehmer Traum vertont wird. Dann bricht in die Besinnlichkeit plötzlich ein Schlagzeug ein, ein dissonanter Jazz-Akkord, und eine wild aufspielende Querflöte. Pause. Paak beginnt den Beat, die Snare-Drum klingt weich, wie in den Siebzigern, dazu ein unheilvoller Bass und eine plötzliche Streicherfigur, vom Bass unterstützt, wie das den Protagonisten ankündigende Soundtrack-Motiv eines Blaxploitation-Films. Die Querflöte überschlägt sich, hektisch rappend steigt Paak ein. Dann aber die Lichtung, Beckenschläge, Frauenchor und wieder die verträumt aneinanderschlagenden Klangstäbe. Das nervöse Unbehagen löst sich auf in einen lässigen, von Handclaps betonten Backbeat, und der Bass wird zum auffälligsten Instrument, unterstützt nicht länger die Streicher, sondern spielt sich frei, taucht in plötzlichen Staccati auf, ist so laut, dass er die Streicher und die verrückte Querflöte fast verdrängt. Und wie jeder gute Soulsänger klingt Paak jetzt so, als würde er aus dem letzten Loch pfeifen.

Leider ist nicht alles auf "Oxnard" so ausgeklügelt wie "The Chase". Mit den härteren Beats tut er sich hörbar schwer. Auf "Who R U?" etwa klingt Paak, sonst ein außergewöhnlich melodischer Rapper, plötzlich seltsam steif und monoton. Die Übungen in modernem Hip-Hop gehen zudem einher mit einer doch überraschend unsubtilen Selbstdarstellung als Ladies' Man. Aber all das kann man ja auch einfach skippen. Die Lässigkeit Anderson Paaks an den guten Stellen dieser Platte erreicht im Moment allenfalls noch das regierende Rap-Genie Kendrick Lamar.