Pop Underground für Piraten

Hurra, der Stream wird doch nicht abgestellt: Soundcloud, die wichtigste Plattform für Pop-Innovationen, wird zehn Jahre alt und muss sich neu erfinden.

Von Jan Kedves

Die New York Times hatte vor zwei Wochen schon eine Art Nachruf gedruckt, auch Buzzfeed und Pitchfork konnten sich in ihren Beiträgen über die Finanzprobleme bei der Streaming-Plattform Soundcloud zuletzt zwischen Präsens und Präteritum schwer entscheiden. Anfang Juli hatte das Unternehmen mit Hauptsitz Berlin 173 Mitarbeiter entlassen, die Büros in London und San Francisco wurden geschlossen. Das Geld reiche höchstens noch bis Ende des dritten Quartals, hieß es. Dann wären mutmaßlich auch die übrigen 250 Mitarbeiter gekündigt worden und auf einen Schlag 160 Millionen Soundfiles aus dem Netz verschwunden. Soundcloud, die wichtigste Streaming-Plattform für Pop im Netz, hätte die knapp zwei Millionen Pop-Acts, Musikproduzenten, DJs und Remixer, die die Plattform zur Verbreitung ihrer Musik nutzen, im Stich gelassen. Und viele der über 170 Millionen Menschen, die Soundcloud als Hörer nutzen - mehr als Spotify (140 Millionen) und Apple Music (27 Millionen) zusammen - hätten sich über das Versäumnis geärgert, nicht noch rechtzeitig die Tracks aus ihrer Favoritenliste irgendwie als MP3 auf ihre Festplatten gesaugt zu haben.

Dass das Drama nun abgewendet scheint, liegt an der Finanzspritze von 169,5 Millionen Dollar, die von den Investmentfirmen The Raine Group aus New York und Temasekdic aus Singapur kommt. Es sollte jetzt bei Soundcloud also wieder ein bisschen Geld da sein, um Leute einzustellen, und auch, um Sekt und Plastikbecher zu kaufen. Denn die Plattform wird in diesen Tagen zehn Jahre alt.

Man bekommt hier das, wovon Pop immer gelebt hat: den neuen Sound

Warum ist Soundcloud die wichtigste Streaming-Plattform für Pop im Netz? Weil es hier in den vergangenen Jahren verlässlich all das gab, was im Pop gemeinhin unter den Schlagworten "Innovation", "Experiment", "Demotape", "interessantes Zwischenformat", "inoffizieller Remix" läuft. Sprich: Man bekommt hier das, wovon Pop - hier ist Audiomaterial gemeint, nicht das Gesamtpaket aus Performance, Kostüm, Video und so weiter - immer lebt. What's next? Was ist der neue Sound? Die großen Plattenfirmen haben in den vergangenen Jahren wenig in die Talentförderung und den Künstleraufbau investiert. Viele Künstler helfen sich über Soundcloud selbst. Früher verschickte man ein Demotape und hoffte, dass es nicht gleich im Müll landet. Heute lädt man seine Musik auf Soundcloud und wartet, welche Plattenfirma sich meldet. Und wenn sich keine meldet: auch nicht schlimm. Man kann über Soundcloud bekannt genug werden, um von Touren leben zu können. Kurz: Soundcloud übernahm im Prinzip da, wo das Audio-Netzwerk My Space crashte, als es 2005 von Rupert Murdoch geschluckt wurde.

Beispiele: Die amerikanische R&B-Sängerin Kelela, die im Oktober ihr exzellentes Debütalbum "Take Me Apart" auf dem Label Warp Records herausbringen wird, veröffentlichte ihr Debüt-Mixtape "Cut 4 Me" im Oktober 2013 über Soundcloud. Der kanadische Produzent Kaytranada, der inzwischen mit Stars wie Mary J Blige zusammenarbeitet, lud hier seine ersten Produktionen hoch. Der Rap-Star Chance The Rapper, bei den Grammys in diesem Jahr als Bester Neuer Künstler ausgezeichnet, ist dadurch groß geworden, dass er regelmäßig neue Tracks auf Soundcloud lädt.

Auch Popstars, die mal eine Auszeit vom braven Funktionieren im Major-Betrieb brauchen, lieben Soundcloud: Als sie 2015 ihre durchgeknallte Phase hatte, lud Miley Cyrus hier an ihrer Plattenfirma RCA vorbei das quietschig glitschige Psychedelic-Album "Miley Cyrus & Her Dead Petz" hoch. So gesehen ist Soundcloud sehr vieles auf einmal: Talent-Campus, Brutstätte für neue Soundkulturen, Karriere-Sprungbrett, Platz zum Austoben. Auch: ein digitales Äquivalent zum alten Piraten-Radio, und vielleicht sogar eine digitale Version von Underground, auch wenn man immer dachte, Underground, das gäbe es im digitalen Raum nicht mehr.

Es gibt Künstlerkarrieren, die nur mithilfe von SoundCloud möglich waren

Und das nicht nur in der westlichen Welt: Der Berliner DJ und Produzent Daniel Haaksman betont, dass, während Spotify auf dem gesamten afrikanischen Kontinent noch nicht präsent ist, Soundcloud auf der Südhalbkugel eine enorm wichtige Plattform geworden ist. "Gerade Musik aus afrikanischen Ländern musste früher ja immer den Umweg über ein Plattenlabel in Europa gehen", sagt Haaksman, der durch enge Kooperationen mit Musikern aus Brasilien, Mosambik und Südafrika bekannt geworden ist. Er hat auf Soundcloud 31 000 Follower. "DJs können über Soundcloud direkt miteinander kommunizieren und Tracks teilen. Es gibt zahlreiche Beispiele von Künstlerkarrieren, die nur so möglich waren, zum Beispiel von den Tropkillaz aus São Paulo oder Happy Colors aus der Dominikanischen Republik."

Nun war es allerdings nie ein Geheimnis, dass Soundcloud Probleme hatte, seinen Service zu monetarisieren. Die Lösung sollte Mitte vergangenen Jahres "Soundcloud Pro" sein: ein Abo, mit dem man - wie bei Spotify - Zugriff auf die kompletten Kataloge großer Plattenfirmen bekommt. Das Problem daran war: Es machte aus der Plattform, bei der es bislang immer darum gegangen war, dass Musiker dort das teilen, was es woanders eben nicht gibt, eine Plattform für alles andere auch. Das war schwierig zu verstehen und ein bisschen so, als würde man im Bioladen plötzlich noch Essensmarken für McDonald's kriegen. Es war, wie sich schnell herausstellte, die falsche Entscheidung.

Soundcloud wird nun einen neuen Ansatz brauchen und dabei darauf achten müssen, wieder zum Kern seiner Idee zurückzukehren. Wer Soundcloud als Profi nutzt, zahlt monatlich 9,99 Euro, um eine unbegrenzte Anzahl von Soundfiles zum kostenlosen Streamen anzubieten. Nicht wenige Musiker haben sich darüber komplette kommerziell erfolgreiche Karrieren aufgebaut. Kann es sein, dass 9,99 Euro für sie wenig sind? Darüber werden sich die neuen CEOs Kerry Trainor und Michael Weissman Gedanken machen. Sie haben 169,5 Millionen Dollar lang Zeit dafür.