Pop Stellung beziehen

Das zweite Album der Band "Bittenbinder"

Von Oliver Hochkeppel

Als Veronika Bittenbinder vor gerade mal eineinhalb Jahren mit ihrer nach ihrem Nachnamen benannten Band und dem Album "Da sind wir" debütierte, da war der Wirbel schon ganz ordentlich. War da doch ein werbetechnisch fast schon unfair stark befülltes Paket am Start: Die hübsche, blonde und talentierte Tochter eines Prominentenpaares (Volksschauspielerin Johanna Bittenbinder und Musiker, Schauspieler und Kabarettist Heinz-Josef Braun, der die Alben des Töchterleins dementsprechend auch produziert) als Sängerin, Komponistin und nicht zuletzt Texterin; begleitet von ebenso talentierten jungen Musikern, die gemeinsam mit schnittiger Musik, aktuellen Inhalten und vom Logo bis zu den Band-Collagejacken ausgeklügeltem Styling auftreten. Und wie man jetzt beim vergleichsweise schnell nachgelegten zweiten Album "Mehr Liebe" erkennen kann, war das alles andere als ein Hype oder eine Eintagsfliege. Schon bei den ersten Live-Präsentationen des neuen Programms beim Klangfest und in der Milla rastete das Publikum fast aus - Bittenbinder gehört eindeutig zu den Münchner Bands, die das Potenzial für großen und langfristigen Erfolg haben.

Potenzial für langfristigen Erfolg: Johanna Bittenbinder (Mitte) und die nach ihr benannte Band.

(Foto: Bittenbinder)

Am Erfolgsrezept hat sich zunächst nichts geändert: Soul, Funk und Hip-Hop sind nach wie vor das musikalische Fundament der von Marius Lazar am Schlagzeug, Rene Haderer am Bass und Baffour Nkrumah rhythmisch knackig angetriebenen Band. Mit Sam Hylton am Keyboard und Michael Salvermoser an der Trompete sind - neben der neuen schwarzen Background-Stimme Florence - auch noch ausgewiesene Jazzer dazu gestoßen. Entsprechend virtuos, vielseitig und auf den Punkt klingt alles. Die zweite Säule sind die gehaltvollen, klugen und zumeist auch wirklich zeitgemäß-aktuellen Texte. Zwei Haupt-Stoßrichtungen finden sich auch wieder auf "Mehr Liebe": gesellschaftskritische und politische Songs wie der Titeltrack ("Woher kommen der Hass und der Neid? Warum ist es leichter zu hetzen als einander zu schätzen?) oder "Online Hater" - beides Appelle gegen populistische Panikmache. Oder auch die praktische Handlungsanweisung "Nicht heuln". Lieder, die Stellung beziehen in einer Klarheit und sprachlichen Güte, die es im gerne weinerlich psychologisierenden Deutschpop nicht so oft gibt. Und dann die ganz persönlichen Reflexionen Bittenbinders über die eigene Rolle als junge Frau und Musikerin. Selbstbewusst und frech ("Dort wo die Sonne niemals scheint") singt sie da an gegen Geschlechterklischees ("Echte Männer"), Alltagsgelüste ("Der perfekte Tag" oder -laster ("Smartphone"). Wie eine Annette Humpe für die 2020er Jahre klingt und wirkt sie manchmal.

Dass Veronika Bittenbinder ein ähnliches Händchen für Hits haben könnte, deutet vor allem ein Stück des neuen Albums an: "München" ist eine Stadt-Hymne, wie es vielleicht seit dem "Sommer in der Stadt" von der Spider Murphy Gang keine mehr gegeben hat. Ein Ohrwurm-Refrain verbindet sich hier mit ausgefeiltem Songwriting und einem starken, die Heimatgefühle aller Münchner antriggernden Text. Folgerichtig hat ihr - mit seiner Nähe zur Kleinkunst- und Sozialgenossenschaftsecke ohnehin das für Bittenbinder passendste - Label Millaphon das jetzt auch als Single ausgekoppelt. Muss eigentlich ein Hit werden.