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Pop:Seegurkenmusik

Die gefeierte amerikanische Avantgarde-Indiepop-Band "Animal Collective" hat zum "Jahr des Riffs" eine eindrucksvolle Unterwasser-Videoinstallation des Künstler-Duos "Coral Morphologic" vertont.

Von Simon Rayß

Eigentlich brauchen Computer gar keinen Bildschirmschoner mehr. Er kommt aus der Zeit der klobigen Röhrenmonitore, in die sich ein Bild noch einbrennen konnte, wenn es nur lange genug unbewegt blieb. Trotzdem gibt es noch immer Bildschirmschoner. Steht irgendwo ein Laptop unbeachtet herum, buhlt plötzliche eine Fotostrecke um Aufmerksamkeit, ein Kamin beginnt zu lodern oder ein digitales Aquarium zu blubbern. Die neueste Arbeit des Künstler-Duos "Coral Morphologic" ist eine Art avancierter Bildschirmschoner. Der Meeresbiologe Colin Foord und der Musiker J. D. McKay aus Miami tauchen mit Vorliebe hinab in die Tiefen der Ozeane, und bringen surreale Videoaufnahmen der Riffbewohner mit. Für "Tangerine Reef" (Domino) haben sie diese Eindrücke jetzt zu einem 53-minütigen Bilderfluss zusammengeschnitten zu einer Art, nun ja, High-End-Bildschirmschoner. Er überragt seine Artgenossen jedoch nicht nur durch besondere Kunstfertigkeit, sondern durch einen Soundtrack der gefeierten Avantgarde-Pop-Band Animal Collective.

Ihr neues Album "Tangerine Reef" ist ein audiovisuelles Album, das als CD, Download und Vinyl-Platte verkauft wird, aber gleichzeitig auch als Videostream im Netz zu sehen ist. Animal Collective sind neben ihren Klangexperimenten und Genre-Sprüngen auch für Kollaborationen bekannt, ein vergleichbares Projekt gab es schon einmal: 2010 arbeiteten die Musiker mit dem Videokünstler Danny Perez zusammen. Das Ergebnis hieß "ODDSAC" und war ein psychedelisch-schauriger Bilderrausch, der von an- und abschwellenden Songkollagen begleitet wurde.

"Tangerine Reef" ist nun sehr viel freundlicher geraten. Das fängt schon beim Beweggrund an: Das Album erscheint anlässlich des "Internationalen Jahres des Riffes" und soll die fortschreitende Zerstörung des spektakulären Unterseelebensraums in Erinnerung rufen. Die Kamera fährt langsam über irrwitzig farbige Oberflächen, monströse Gestalten und Gewächse, die aussehen wie bunte Dünenlandschaften. Sie geht ganz nah heran an diese fremde Welt, die natürlich durch die extreme Vergrößerung noch fremder wirkt. Fluoreszierende Blütenkelche öffnen und schließen sich, Fangarme leuchten kurz auf und verschwinden wieder in der Dunkelheit, ein sonderbares Wesen stopft sich seine Tentakel in den geöffneten Schlund. Alles wimmelt bedächtig durcheinander, als hätte H. R. Giger seinen Science-Fiction-Kreationen einen Neon-Anstrich verpasst. Doch die Welt von "Tangerine Reef" stammt weder aus dem All noch aus dem Computer. Alles ist vollkommen frei von Spezialeffekten.

Korallen, Anemonen, Muscheln, Seeigel, Nacktschnecken, sogar Seegurken werden im Abspann mit ihrem Namen und lateinischen Bezeichnungen aufgeführt und dem jeweiligen Song zugeordnet, in dem sie ihren Auftritt haben. Wobei Animal Collective konsequenterweise auf klassische Songstrukturen verzichten. Das Album ist zwar in 13 Stücke unterteilt, klingt aber eher wie ein einziger organischer Soundstrom, der eigentlich auch nur mit den Bildern wirklich funktioniert. Es piepst, summt und klingelt, alles körperlos und von einer Behutsamkeit, die das Pulsieren der gefilmten Korallenwelten in sich aufnimmt.

© SZ vom 23.08.2018

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