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Pop:Salto mit Arbeitsverweigerung

'JUSTIN BIEBER', Konzert in der Mercedes-Benz Arena, Berlin, 14.09.16

Sind ihm seine Fans egal? Justin Bieber am Mittwoch in Berlin.

(Foto: POP-EYE)

Der amerikanische Sänger und Pop-Superstar Justin Bieber war am Mittwochabend in Berlin, wollte dann aber doch nur ein bisschen singen.

Von Juliane Liebert

Während des gesamten Justin-Bieber-Konzerts am Mittwochabend in Berlin herrschte im Publikum andächtige Stille. Man hätte das Ploppen eines Kronkorkens, das Rascheln von Bieber-Shirt auf Bieber-Haut hören können, so leise war es. Und das kam so: Kurz vor Konzertbeginn fiel den 13 000 Gästen in der ausverkauften Mercedes-Benz-Arena auf, dass sie ja gar nichts hören, wenn sie immerzu schreien. Da der Zweck eines Konzerts das Zuhören ist, und alle einen Haufen Geld ausgegeben hatten, kamen sie überein, diesmal andächtig zu schweigen und die Show zu genießen. Ha.

Zugegeben, das war gelogen. In Wirklichkeit AAAAHHHHHH war JUUUUSTIN es AAAAAAAAAAAAAAAAH und so weiter und so fort. Die Frage ist also: Wie gerät man auf ein Justin Bieber-Konzert, ohne ein 13-jähriges Mädchen zu sein? Schwere Frage. Häufigste Antwort: Man ist ein Elternteil eines 13-jährigen Mädchens. Es gibt ganze Fotoserien über "Väter auf Popkonzerten": konsternierte, schwankende, ächzende Panzerschiffe im Tosen des Belieber-Meers, mit schaufelartigen Armen die Massen nach rechts und links teilend wie Moses das Meer, ihren Gesichtern ein Ziel eingemeißelt: Niemand bekommt unseren Platz! Keinen Zentimeter! Kind, und wenn es mich das Leben kostet, du musst es nach vorn schaffen! Sag deiner Mutter, dass ich sie liebe!

Natürlich gibt es Ausnahmen, am Mittwoch in Berlin gab es einen Vater mit einem etwa zehnjährigen Kind an der Hand. Das Kind hüpfte heftig, der Vater auch, doppelt so laut und begeistert singend wie es und viermal so begeistert wie Bieber. Bieber dagegen, auf der Bühne, in Jogginghosen, die man für 100 Euro am Merchandise-Stand erwerben konnte, sofern man seinen Verstand vollends verloren hatte, bewegte zumeist nur die untere Hälfte seines Körpers. Offenbar gab es da einen Defekt, und seine Konstrukteure hatten vergessen, den oberen Teil anzustellen.

Dass Bieber viel Playback singen würde, war klar. Faszinierender war, wie er Playback singt. Rihanna hält es in letzter Zeit ähnlich, trotzdem könnte man meinen, niemand hat ihm je erklärt, wie Playback geht. Also, dass es schon so aussehen darf, als würde er tatsächlich singen. Stattdessen packt er das Mikrofon, führt es ungefähr in Richtung Mund, sobald es dem jedoch zu nahe kommt, bekommt er offenbar Angst oder merkt, dass es doch nichts zu essen ist, und reißt es mitten in der Zeile wieder weg. Noch schöner: Wenn er Und-jetzt-alle!-Aktionen starten will, aber vergisst, dass das Playback läuft, er also eine Zeile "singt", das Mikro hoch gen Publikum reißt, aber seine Stimme unbeirrt weiterdudelt. Und es keinem auffällt (wegen all der Freudentränen in den Augen). Ach Justin, ist alles nicht so einfach.

Machen wir uns die Mühe und vergegenwärtigen uns die Situation: Mercedes-Benz-Arena. 13 000 Menschen, Security. Zusätzlich zur Security ordentlich gepolsterte Polizei. Draußen ein Stand zur Erstversorgung. Eisstände, Bierstände, Pizzastände, Platzordner. Und Juuustin auf der Bühne. Wenn er singt, dreht die Menge durch. Wenn er nicht singt, dreht die Menge durch. Wenn er in einem Glaskasten sitzt, dreht die Menge durch. Wenn er eine Rampe hochläuft, dreht die Menge durch. Wenn er sie wieder herunterläuft - genau. Er könnte übel ins Mikrofon schimpfen, die Menge drehte durch.

Sind Justin Bieber seine Fans egal? Tja, auf jeden Fall ist - in gewissem Sinne - Justin Bieber seinen Fans egal. Was hier verkauft wird, ist nicht Bieber, der scheint nur irgendwie zufällig da zu sein, und auch wenn er es noch nicht ganz begriffen hat, irgendwo weiß er es. Und er hat keinen Bock. Das sieht man. Und es ist richtig, dass er keinen Bock hat, weil es der einzige Hoffnungsschimmer ist an diesem Abend. Es findet kein Dialog zwischen Bieber und seinem Publikum statt, es ist ein Deal zwischen dem Publikum und der Musikindustrie, eigentlich zwischen den Eltern des Publikums und der Musikindustrie. Wenn es Juuuustin nicht machen würde, würde es ein anderer machen. Wenn Bieber allerdings selbst Gitarre spielt und singt, ist schon klar, dass er talentiert ist. Oh, und zwei Saltos auf einem enormen, über der Menge schwebenden Trampolin hat er auch gemacht.

© SZ vom 16.09.2016

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