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Pop:Sakraler Trash

John Maus

Blick in die Abgründe der amerikanischen Gesellschaft: John Maus.

(Foto: Luke Berhow)

Der amerikanische Synthie-Pop-Tüftler John Maus ist der einzige Künstler, der barocke Musik und Pop so verbindet, dass das Barocke nicht nur ein Einfluss ist, sondern präsent, wie ein 300 Jahre alter Onkel auf einer Pyjamaparty. Nun erscheint sein neues Album.

John Maus ist schwer zu erreichen. Will man den 37-jährigen amerikanischen Synthie-Pop-Avantgardisten sprechen, muss man sich bei seinem Bruder Joe Maus melden. Wenn man Joe Maus erreicht hat, weiß man zwar schon, dass "John Maus" kein Künstlername ist und die Eltern der beiden einen eigentümlichen Sinn für Humor haben, aber es heißt noch nicht, dass man auch wirklich mit John Maus sprechen kann. Bis man ihn dann doch am Apparat hat, unterbrochen durch Knacksen und gelegentliche Verbindungsausfälle.

Dann sagt er Dinge wie: "Ich habe mit meinem neuen Album ,Screen Memories' den strikten Kontrapunkt in der Popmusik noch weitergetrieben. Der Barock (Rauschen) beruht auf verminderten Akkorden und Chromatik und Modulationen (Rauschen) - darum ist er allem, was wir heute machen, chromatisch so vollkommen fremd, obwohl er strukturell verwandt ist. Die Freiheit, die vom Barock mit in den Pop genommen wird, könnte ein Idiom der Popmusik sein."

Soso. In der musikalischen Umsetzung klingt das zum Glück nicht ganz so kompliziert, sondern einfach zugleich sakral und trashig. Obwohl er mit der Soundästhetik der Achtziger arbeitet, ist er aber kein Achtziger-Wiedergänger: Bei Maus hören sich die banalsten Zeilen an wie Verkündigungen, billigste Drums und Synthies ertönen mit der uneingeschränkten Berechtigung einer ersten Geige. Überhaupt beherrscht er seine musikalischen Mittel perfekt. John Maus ist damit wohl der einzige Künstler, der barocke Musik und Pop so verbindet, dass das Barocke nicht nur ein Einfluss ist, sondern präsent wie ein 300 Jahre alter Onkel auf einer Pyjamaparty. In diesem Sinn ist die Single "Touchdown" typisch: Das Sakrale, der Text und das Video passen wie die Faust aufs Auge. Im Clip läuft ein Football-Spieler im Maus-Trikot, dem, na ja, Touchdown entgegen. Er führt dabei den Kult um den sportlichen Höhepunkt allerdings ad absurdum, indem er ihn auf groteske Weise sexualisiert - der Touchdown ist hier affiger Orgasmus. Zugleich kitzelt Maus damit jedoch aus diesem kleinen, aber ikonischen und für alle verständlichen kulturellen Detail einen Blick in die Abgründe der amerikanischen Gesellschaft heraus. Darüber zieht eine Synthiemelodie ihre Bahnen wie eine Leuchtspur, "schlüpfrig, glitzrig, elektrisch".

Und dann ist da noch die Sache mit Hamburg. In einem Fragebogen des Online-Pop-Magazins Pitchfork sagte Maus einmal über Hamburg und seinen berüchtigten Golden Pudel Club: "It's a strange venue. Hamburg is like the Detroit of Germany. They're hard, hard people there." Harte Hamburger. Er habe einfach den Eindruck gehabt, sagt er dazu im Interview, die Stadt habe eine "Schwere, die nicht von Oberflächlichkeit aufgehellt wird. Der Hamburger ist einfach kein oberflächlicher verwöhnter Metropolist".

Ärger handelt sich John Maus aber auch sonst regelmäßig ein, zuletzt, als er in einer Fernsehshow der neuen amerikanischen Rechten auftrat (inzwischen hat er sich davon distanziert) oder sagte, dass "der Begriff des Homosexuellen in Wirklichkeit eine Erfindung des 19. und 20. Jahrhunderts" sei. Aber das ist vermutlich das Problem mit den Propheten, sie reden eben auch jede Menge Unsinn. Eine echte unbequeme Wahrheit hat "Screen Memories" dennoch zu bieten: Im neunten Track, "Pets", wiederholt der Sänger wieder und wieder den Satz: "Your pets are gonna D-I-E / Your pets / Are gonna die." Es ist eine Drohung, ein Fluch, dem er tröstend hinzufügt: "But it's not the end / The end of ends", um das wieder zu wiederholen, bis der letzte Zweifler niederkniet und sagt: "Ja, Meister Maus, meine Haustiere werden sterben, aber ich werde trotzdem glücklich sein."

© SZ vom 21.11.2017

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